Mittwoch, 27. Juni 2007

#20 - Unterwegs VIII

Ich reise zu viel, oder ich denke zu viel, wenn ich im Zug sitze und den Laptop aufgeklappt vor mir liegen habe. Wochenende gelaufen, Vortrag war gut, spannende Bekanntschaften gemacht, halbwegs geschlafen. Halbwegs noch auf Koffein, aber nicht mehr so radikal übermüdet. Abendsonne vergoldet den Petersberg. Ich bin die Rheinschiene zu oft gefahren in den vergangenen Monaten. Nein, ich kann nicht sagen, dass ich Bonn kenne. Aber ich kenne dieses eine Haus an den Gleisen und den Weg vom Bahnhof dorthin. Diese wenigen Schritte vom Bahnhof dorthin gehen, klingeln, um den Hals fallen. Wisst Ihr, was mir die seltenen, kurzen Stunden bei und mit Euch bedeuten? Weiter rauscht der Zug nach Norden. Bono Vox singt: „You get confused, but you know it“, wenn ich ihn recht verstehe. Der Stress ist weg, einfach weg, die Spannung fehlt, die mich die letzten Wochen gepusht hat. Ich habe den Reiz und Kitzel geliebt, bei allen anstehenden Pflichten erst einmal die Nacht zum Tag zu machen, den Druck zu erhöhen, meine Versagensangst zu provozieren, um ihr nachts mit einem Bier in der Hand ins Gesicht zu lachen! Dass ich ein wenig übertrieb, ist mir bewusst. Ich muss Dir nochmals danken, Hangman-Queen, für das Fangen, das Tippen. Diese Zugreisen sind doch immer wieder kleine Weltreisen für mich. Nur ein paar hundert Kilometer durch Deutschland, die Ziele oft irrelevant in ihrer Eigenart. Orte als Mittel zum Zweck. Es sind Reisen zwischen der kleinen Welt meines Studienortes. Der Ort, an dem ich mit meinen Freunden lebe, feier, Spaß habe, wo ich mich an Nähe, Verstehen und geteilten Emotionen geradezu berauschen kann. Und die Welt „draußen“, des Vereins, der Ämter und Funktionen. Sitzungen, Vorträge, kleine Animositäten zwischen Organisationen, Organisatoren. Eine Welt der Geselligkeit bei einem Glas Wein, der Gespräche, die dann selten völliger Selbstzweck sind. Eine Welt voller spannender Personen, Begegnungen, Gespräche, aber keine Welt des Sich-fallen-lassens. Ist sie nicht, soll sie nicht sein. Die Welt des Sich-engagieren kann nicht die Welt des Sich-fallen-lassens sein. Jedem Engagement muss doch ein „Zuhause“ gegenüberstehen, in das man müde, erfüllt aber auch mal gestresst oder gereizt zurückkehren kann. Jedem „Zuhause“ muss eine Welt gegenüberstehen, in die man aufbricht, ausbricht, in der man sich einbringt, Rollen spielt, Funktionen versieht, Visionen ersinnt und in Gremien zu verkaufen sucht. Jeder braucht ein „Schneckenhaus“, in das er sich zurückziehen kann. Und es ist erstrebenswert, in diesem geschützten Raum Menschen zu haben, die man liebt, von denen man geliebt wird, einen Partner und gute Freunde, bei denen man jede Maske, Fassade, Rolle und jedes Amt mit allen Sorgen an den Garderobenhaken hängen kann. Ich denke, ich weiß, wo ich heute Abend noch klingeln werde, wenn ich mit meinem Gepäck aus dem Bahnhof stolpere. Kurz „Hallo“ sagen, ein „Schön, dass es Euch gibt“. Zu morgen Abend steht noch ein Referat an, doch das schreckt nicht. Material ist da, Zeit genug, etwas zu konzipieren und eine gemütliche „vier gewinnt“ Mentalität. Es hängt eben doch nicht wirklich etwas davon ab. Die Klausur wird schon wichtiger sein. Doch bis dahin sind noch zwei Wochen. Mal sehen, wann die Anspannung kommt, wenn sie denn kommt. Wenn sie kommt, dann wird gefeiert!

Keine Kommentare: