Dienstag, 16. Oktober 2007

#34 – Nachtgedanken VIII

Wow, Flashback: Diese Songs habe ich im Frühjahr viel gehört. Just Jack „Starz in their Eyes“ und Paolo Nutinis „Jenny don't be hasty“: Und diese Songs, per Headset direkt in meinen Kopf gedröhnt, treffen den Nerv des Moments. Dieser Tag war ein Tag der Überdosis. Erst war es die Panik vor der nicht einschätzbaren Klausur, gekoppelt mit der permanenten Ungeduld, dann ein paar Bierchen, die ungewohnt heftig durchknallen. Es ist eben nicht die Dosis des Alkohols, sondern die seltene und seltsame Kombination von Umständen, die solche wundervollen, seltenen Momente bescheren. Diese Mischung ist strange: Ich kann klar benennen, was mich aufregt, mir den Schlaf oder die Ruhe und Konzentration raubt, aber es ist nicht schlimm; eher witzig ist es und ich kann benennen, was mir diesen Tag verleidet hat und darüber lachen.

Ich vermute, entscheidend ist, wie fertig man sich (bewusst oder unbewusst) schon gemacht hat, um den natürlichen „Trip“ durch ein wenig Bier in diese „Dimension“ zu verschicken. Alkohol ist ein reiner Verstärker, und wenn die Tendenz zum „ich lache über mich und meine Sorgen“ vorliegt, dann gelingt dieser Flug.

Und ich fliege, dröhne mich mit der Musik zu, chatte mit ein paar Freunden und bin dankbar, meine Sorgen mit ihnen teilen zu können. Ja, ich bin wohl einfach „glücklich trotz....“ und ich liebe dieses Gefühl. Dieser Moment, in dem einem bewusst wird, was man an seinen Freunden hat, die einen „in guten wie in schlechten Tagen“ tragen und ertragen, diese Momente sind eine Droge, die keine Chemie einem geben kann. Wenn ich ins Bett gehe, werde ich sagen können: Ich bin nicht (vollends) glücklich, aber ich spüre nur das Glück.

Donnerstag, 11. Oktober 2007

#33 – Nachtgedanken VII

U2 spielen auf meinem PC „New Years Day“ und heute morgen war es kalt genug, um sich daran zu erinnern, dass bald auch wieder Neujahr kommt. Es ist eine komische Stimmung, in der ich gerade bin. Ich bin nicht wirklich müde, aber auch nicht ganz wach. Bin den ganzen Tag vom Verstand her nicht wirklich wach geworden, Wetterumschwung eben.

Diese Stimmung ist diffus, irgendwo zwischen nicht-zufrieden und nicht-unzufrieden, aber auch nicht gleichgültig, dass man sich mit dieser Indifferenz arrangierte. Sowieso habe ich diese Tage wieder oft das Gefühl neben mir zu sitzen und meine Emotionen zu analysieren: Kann ich gerade brauchen / kann ich diese Tage garnicht gebrauchen / ist völlig irrational....

Auch eine Art indifferenter Distanz, so absurd, wenn man sich daran erinnert, dass man nicht irgendwen betrachtet, sondern sich selbst. Ich glaube, ich kann diese Woche einfach als unproduktiv und ineffizient abhaken, habe ich doch nicht einmal anständige Ersatzhandlungen zustande bekommen.

Irgendwie bin ich von mir selbst gerade enttäuscht...

Montag, 8. Oktober 2007

#32 – Unterwegs X

Was zu erwarten war: Ich sitze jetzt seit eineinhalb Stunden im Zug und was mache ich? Ich blogge. Irgendwie kann ich dieses Verhaltensmuster (von Gewohnheit kann man so schnell noch nicht sprechen, oder?) nicht abstellen. Ich sitze im Zug und selbst wenn ich die Augen schließen, das Vorbeirauschen der Landschaft lässt Gedanken durch meinen Kopf rauschen. Oft bin ich müde, auch gestresst oder genervt, wenn ich reise. Aber dennoch liebe ich es irgendwie, es ist mir vertraut, auch wenn die Reiseroute es nicht immer ist. Klar, es gibt Strecken, die kenne ich blind, da habe ich das Gefühl, die Bäume auf den alten Gleisanlagen neben den Bahnhöfen wachsen zu sehen.

Selten komme ich derart intensiv zum Arbeiten, wie ich es gerne hätte. Zu oft ist es die Rückreise von einem Wochenende, das recht schlaffrei ausfiel.

Warum also mag ich es so gern, im Zug zu sitzen, auch wenn es Stunden sind? Solange ich nicht zu lang auf Fußböden sitzen muss, sodass einem das Gesäß schmerzt, bin ich doch ein anspruchsloser Passagier. Natürlich ist es wundervoll in einem recht leeren ICE 3 einen ganzen Tisch für sich allein zu haben und auch der Klapptisch im normalen Fernverkehr macht das Arbeiten am Notebook angenehmer. Aber Hauptsache, man kommt voran, die Zugbegleiter sind nett und hilfsbereit, wenn man einen Anschluss, Zuschlag oder sonstewas benötigt, die Heizung funktioniert im Winter bzw. die Klimaanlage im Sommer.

Ja, ich denke es ist der (subtile) Luxus, der sich dahinter verbirgt: Die latente „Exotik“ des Wo-anders-als-Zuhause-seins, dieses Gefühl des Ausbruchs aus dem allzu Vertrauten, die Existenz als Kunde, den Servicekräfte (idealerweise) dezent und höflich umsorgen, diese Illusion von Weltgewandtheit, die aus der Vertrautheit mit den Abläufen und Regeln erwächst. Man ist von keiner „Zugteilung in XY“ überfordert, man kann im Jargon der „Vielfahrer“ nach Anschlüssen und den Chancen, Verspätungen wieder aufzuholen, fragen, die Fahrkartenkontrolle ist Routine, Fahrkarte und Bahncard stecken im Portemonnaie ja immer im selben Fach. Wer sucht denn da noch? Man könnte immer (im wahrsten Wortsinne) unerfahrenen Mitreisenden Geschichten erzählen, was man schon für schlimmere Verspätungen erlebt hat, dass das alles garnicht so schlimm ist: „Wo müssen Sie umsteigen? Ach, da reicht die Zeit doch locker, da kriegen Sie Ihren Anschluss auf jeden Fall.“

Und wenn man nicht einfach nur „In den Semesterferien zu den Eltern“ fährt, sondern es dann noch irgendwelche Sitzungen oder Seminare sind, kann man sich einbilden, mit der Business-Anzug-Träger-Fraktion mehr gemein zu haben, als mit dem Gemischten Kegelverein mittleren Alters.

Ist das Eitelkeit? Sicherlich! Steht nur zur Debatte, wie stark es die Geltungssucht ist und wieviel auch die Befriedigung, sich in ein Bild einzufügen statt hinauszustechen. Abgesehen davon ist eben immer ein Thema zum Small-Talk gegeben, wenn sich solcher entwickelt.

Jeder Mensch wünscht sich Bestätigung, es ist doch nur die Art und Weise, auf die er dieses Bedürfnis zu befriedigen sucht, die ihn von anderen Unterscheidet und sein Streben und Handeln moralisch bewertbar macht.

#31 – Nachtgedanken VI

Komisch, sobald ich unterwegs bin schreibe ich. Es hat schon Vorteile als Schnarcher abgestempelt zu sein. Ich habe mein Zimmer für mich alleine. Noch acht Stunden bis zur Sitzung, aber so richtig müde bin ich nicht. Nunja, ist ja egal. Ich genieße den Nachklang de „s Abends, die Musik, die ich hier alleine auch ohne Kopfhörer hören kann. „Alone in these strange beds. I think that I've travelled enough. Poetry and Aeroplanes – I'm tired of waiting for love.“ Teitur singt die Worte, die mir fehlen. Er singt mir aus der Seele. Es tat richtig gut, nach dem August auf Reisen endlich mal wieder fest zu hause zu sein.

Aber kaum war ich wieder zu hause, kam das „tired of waiting for love“ wieder durch. Ja, ich bin des Wartens müde. Aber ich will ja auch nicht verkrampfen, und immer auf der Suche sein. Mir ist klar, dass das „Ausschau halten“ nichts bringt. Wer weiß, was das kommende Semester bringen mag. Alles auf sich zukommen lassen. Ist so leicht gesagt, aber es fällt mir irgendwie auch leichter als früher. Früher, das klingt so furchtbar alt. Aber ich bin im Verein jetzt oft der Älteste, habe mit Jugendlichen zu tun, die geboren wurden, als ich schon ins Gymnasium ging, die auch keine großen Geschwister haben, die mich amüsiert angucken, wenn ich manche Dinge sage, „Aus Raider wird Twix, sonst ändert sich nix“ zitiere. Ist immer eine Frage des Vergleichspunkts, aber ich, der ich immer das Nesthäkchen war, der immer zu den Älteren aufsah, nehme es eben jetzt erst bewusst wahr, wie es von der anderen Seite aussieht.

Ich will meine müden Knochen ins Bett hieven, denn im Alter braucht man ja seinen Schlaf.... Bin wahrscheinlich wieder als letzter wach und als erster wieder auf. Ich kenne das ja in diesem Haufen.

#30 – Unterwegs IX

Ich kann anscheinend nicht anders. Kaum sitze ich im Zug und das Notebook steht aufgeklappt vor mir – und sei es auch nur, um Musik zu hören – lasse ich irgendwann das Buch, die Zeitung oder die Kopien sinken und meinen Gedanken freien Lauf. Eine gewisse Grundmüdigkeit scheint dabei zu helfen. Vielleicht ist es auch die Musik, die mich zumindest gelegentlich darin bestärkt. Mein Favorit (seit vorgestern) ist Teitur. Seine Musik ist ruhig, melancholisch, zieht mich aber nicht runter. Vielleicht genau das Richtige, wenn der Herbst kommt, selbst wenn man keine hat, die einen in den Arm nimmt dabei, die einem in den Armen liegt. Zart, romantisch klingen die Songs nach schweigendem an-einander-Kuscheln, wenn ein grauer Novemberregen aus dem dunklen Himmel fällt.

Aber völlig fasziniert stelle ich fest, dass dieses Szenario sich beiläufig vor meinem inneren Auge entspinnt, ich merke, was mir fehlt, aber der Schmerz bleibt aus.

Grau spannt sich der Himmel über die dunkel dahinströmende Weser. Es ist heute nicht richtig hell geworden, und es wird auch nicht aufklaren. Wetter, Stimmung, Musik: Alle Zeichen stehen auf Melancholie hoher Stufe. Doch der Sturm wird ausbleiben, Umsteigen, zum Quartier fahren, Kaffee trinken, Papierkram erledigen und dann ist eh Programm und keine Zeit zum Trübsal blasen.

Arbeit kann ablenken, muss aber nicht so sein. Meine Arbeit lässt mir zur Zeit zu viel Raum zum Nachdenken. Wie weit bin ich jetzt, wie weit wollte ich eigentlich sein und warum taucht jetzt plötzlich noch soviel Literatur zum Thema auf? Ich hatte mich so auf einen ruhigen Monat am Schreibtisch gefreut. Struktur im Tages- und Wochenablauf. Effizientes Vorankommen.

Doch wieder mehr Illusion als Realität. Andere Projekte, die mehr Zeit fressen, Termine – im Kalender klein und unschuldig aussehend – die wieder 2-3 Tage fressen. Sicher, manches wird sich davon auszahlen. Hier mögen sich Weichen stellen, Kontakte für die Zukunft geknüpft werden, doch gerät das bei aller Selbstkritik in den Hintergrund. Warum kann ich bei allen Freunden jede Chance, jeden Schritt zu einer beruflichen Zukunft sehen, begrüßen und mich darüber freuen, ohne solche positiven Nachrichten oder auch nur Optionen in meinem Leben ohne große Zweifel in meinem Leben zu akzeptieren?

Sonntag, 23. September 2007

#29 - Nachtgedanken V

Seit Jahren habe ich keinen Urbock mehr getrunken. Vor allem noch nie Ende September. Und nun ist die Feier vorbei und ich sitze hier im Gästezimmer, sehe über den strahlenden Laptopbildschirm hinweg aus dem Fenster auf die Land-/Bundes-/was-auch-immer-Durchgangsstraße, und sehe dem gelegentlichen Verkehr zu. Eigentlich bin ich bettschwer genug um sofort in die Falle zu sinken. Doch irgendwas reizt mich an dem Gedanken, trotzdem noch was wach zu bleiben und zu schreiben.

Wenn ich das Kinn in die Hand stütze, rieche ich noch das Feuer des Grills. Ein milder Septemberabend, an dem wir spontan noch die Tische aus dem Haus in den Garten trugen, es warm genug war, um draußen zu sitzen. Auf dem Rechner läuft Polarkreis 18. Diese Band wird für mich wohl für immer mit dem September 2007 verbunden sein. Ich liebe es, endlich wieder diese Fixierung auf Musik ausleben zu können, die emotionalen Ressourcen dafür wieder zu haben, mich tief in Musik versenken zu können, die Musik zu finden, die meine emotionale Grundtendenz einfängt und widerspiegelt, und in diesem Moment in der passenden Musik aufzugehen. Knappe zwei Jahre habe ich auf dieses Gefühl, diese Erfahrung, diese Art zu Leben verzichten müssen. Seitdem mir klar ist, dass ich es wieder kann, koste ich es aus.

Diese seltsame Mischung aus Glück, Melancholie, Müdigkeit und Sorglosigkeit-trotz-aller-Zukunftsangst ist Wahnsinn. Ich glaube, es braucht Musikformen wie Indietronic, um es fassen und beschreiben zu können.

Wenn mich wer fragte, ich antwortete sofort, dass ich Glück empfinde, auch wenn meine Situation nicht glücklich ist. Ich vergesse nicht, dass mir manches zu dem Zustand fehlt, den ich als wahrhaft glückliches Leben verstehe. Doch ich empfinde trotzdem Glück, für jetzt und diesen Moment.

Und in dem Wissen, dass ich es morgen anders sehen werde. Morgen fahre ich nach Hause, in die Stadt in der meine Universität steht, in der meine Arbeit auf mich wartet, in der ein völlig leerer Wohnheimflur darauf wartet, dass wenigstens ich ihm Leben einhauche. In die Stadt, in der ich lebe, arbeite, feiere und auch liebte, wenn es sich denn mal ergäbe. Zweieinhalb Tage „Kurzurlaub“ sind dann vorbei, und auch wenn das Wochenende anfängt, wird zu hause gearbeitet werden müssen.

Doch all dieses berührt mich auf emotionaler Ebene nicht. Es ist mein Verstand, der sich noch damit befassen mag. Doch mein Herz spricht: „Vertagt! Nicht heute mag ich mich sorgen, das kann der Verstand alleine schon genug. Ich will mich auch nicht damit plagen, was mir fehlt. Das kann ich morgen noch zur Genüge. Doch jetzt empfinde ich Glück, wenn auch nur unvollständiges, aber Glück!“

Ich will auf mein Herz hören, diese Nacht genießen, indem ich meinen Verstand bis morgen vertage. Bis ich morgen früh erwache, sollen alle Sorgen sich von mir fern halten!

Als ich das letzte Mal hier war, hatte ich mein Herz – wenn auch kurzzeitig – unglücklich verloren. Dieses Mal bin ich von solchen Regungen verschont. Auch wenn ich das „Drum will ich auch immer den Sorge entsagen“ des alten Studentenlieds nicht aus vollen Herzen mitsprechen kann, so genieße ich jeden einzelnen Ausflug. Ausflüge von allen Sorgen, in denen ich doch nie vergesse, dass ich Sorgen habe. So scheint mir sicher, dass ich nicht der Gefahr nachgebe, diese Ausflüge auf Dauer auszudehnen. Nein. Ich kenne mein Risiko dahingehend. Ich nehme mir die Auszeit und nehme auch den Kater bewusst in Kauf, der mich anderntags in die Realität zurückreißt. Meine Sorgen und Nöte liegen in der Realität und auch nur dort sind sie zu lösen.

Doch das ist eine Aufgabe für andere Tage. Heute nacht werde ich schlafen, gut, tief und fest.

Und sorgenfrei!

Donnerstag, 13. September 2007

#28 – Bei der Arbeit II

Jahaaa, so kann man arbeiten. Leckerer Kaffee auf dem Tisch, ein wenig Literatur für die Uni vor dem Laptop (die man dann doch nicht liest) und am anderen Schreibtisch der Fachmann, der einem bereitwillig (?) alle Änderungen umsetzt die man haben mag. So macht mir der Einstieg in die Welt des Homepage-Betreibens Spaß. Nichts können müssen außer ein paar Texte zu schreiben und zu artikulieren, was man wie haben will. Dazu gute Musik und ein paar Hefte guter Comics neben dem Laptop (die mehr Aufmerksamkeit erlangen als die wissenschaftliche Literatur). Und dann noch lauter charmante Damen bei Skype ;-)

Welch Arbeitsklima

Freitag, 7. September 2007

# 27 – Nachtgedanken IV

Dieses Jahr ist es wohl die deutschsprachige Musik, in der ich meine Stimmung, mein Lebensgefühl von Wochen und Monaten ausgedrückt finde. Waren es erst Tomte, die mit „Buchstaben über der Stadt“ mich fast zum Heulen brachten, mir die Worte gaben, Glück hinauszuschreien und Sehnsucht zu sprechen, so wurden es dann Muff Potter. Nach dem Konzert in Bielefeld war ich „bekehrt“ und erging mich im Angry-Pop der neueren Alben. „Mit ner Flasche Absolut / sitze ich im Fotoautomat / Das ist lustig und Traurig / genauso, wie ich's mag“ wurde vom „Are you ready, steady Fremdkörper go!“ abgelöst. „Und jeder sucht einen Platz, / wo er hingehört. / Und jeder sucht einen Platz, / wo er nicht stört!“: So ein simpler Reim, und doch voller Erkenntnis – für mich zumindest. Hin- und hergerissen zwischen „Hier gehöre ich hin“ und „Habe ich einen Platz, wo ich hingehöre?“ Hatte ich diesen Sommer vielleicht etwas zu viel Zeit zum Denken. Vielleicht war es jedoch auch die neue, ungewohnte Umgebung – räumlich und personell – die mir neue Anstöße gab. Und nun sind es alte Alben von Fettes Brot, die mir neu sind und mich daher reizen, provozieren. Vorhin beim Sport merkte ich, dass ich viel zu sehr nach „Meh' Bier“ gelebt habe“. Weiter ging es mit „Könnten Sie mich kurz küssen?“, mit nettem Beat in die unschöneren Bereiche von Emotion. Und nun hat mich das Motiv von „Raptus Melancholicus“ erwischt, gepackt, in seinen Klauen. Diese Stimmung ist wie aus meinem Herzen gelesen. Alle Fassade, die ich mir und der Welt aufgebaut habe, bei Seite geschoben, und so blicke ich wieder ungeschminkt auf die Punkte, die mich vom großen Glück, großer Zufriedenheit mit mir und meinem Leben trennen. Nicht, dass ich mich (und den Rest der Welt) belügen würde, die positiven Aspekte, die ich rauskehre, sind wahr. Aber wenn man die Punkte der Unzufriedenheit ausblendet, werden sie eben zur Fassade...

Der Herbst kommt, im Wetter, in der Gesundheit, auf dem Herd und eben auch im Herzen...

#26 – Skizze V

[Nachtrag aus der zweiten Julihälfte]

Viertel vor sechs morgens. Gerade nach Hause gekommen, schalte ich den Rechner an. Es ist schon jenseits der Morgendämmerung gewesen, als wir aus dem Club kamen. Es war jenseits der Nacht, als wir dort hinein gingen. Während die Textverarbeitung lädt, koche ich Kaffee. Bei dem Licht lohnt es sich nicht, ins Bett zu gehen. Ich will diesen Sommermorgen genießen. Ich werde Kaffee trinken, auf meine Zeitung warten, heiß duschen, die Zeitung lesen und sehen, ob von meinen Mitbewohnern irgendwer aufwacht, bevor ich wieder das Haus verlasse.

Mein Hemd ist so nass vom Tanzen, als hätte ich es aus einem See gezogen. Die Musik war nicht gut in dem Club, aber darum ging es mir sicher nicht. Ich bin dem Abend, der Nacht und dem Morgen einfach gefolgt, ohne irgendwas in Frage zu stellen. Spät in die Kneipe, spät in den Club, früh zu Hause den ersten Kaffee.

Es ist still, sehr still. Obwohl ich mich vorhin wunderte, wie viele Autos schon zwischen halb sechs und sechs unterwegs sind. Ich mache jetzt keine Musik an, die den Zauber des Morgens zerstören könnte. Ich habe grundlos Moby's „One of these mornings“ im Ohr.

Der Kaffee verbrennt meinen Gaumen. Meine Motorik und die langsam einsetzende Müdigkeit und meine Motorik lassen mich bewusst werden, dass ich seit 22 Stunden wach bin, und die Nacht davor auch nur vier Stunden schlief.

Der warme Kaffee macht nur träge. Der Wecker wird gestellt. Ich werde „*Power-nappen“. Eine halbe Stunde Schlaf sollte mir wohl doch die Grenzen meiner Leistung wieder geben...

Gute Nacht

Montag, 16. Juli 2007

#25 – Bei der Arbeit I

Die Überschrift ist definitiv ironisch. Unter solchen Umständen kann man nun wirklich nicht arbeiten. Wenn ich vom Schreibtisch aufstehe um mir ein Glas Wasser zu holen, schwitze ich scheinbar mehr, als Wasser im Glas ist. Der Ventilator versucht sich an neuen Spitzenleistungen, Vorhänge sind vorgezogen und gelegentlich wird durchgelüftet. Dieses schwarze Flachdach mag mit seiner Kapazität zum Aufheizen im Winter effizient sein, aber im Sommer ist darunter die Hölle.

Gestern Nacht war ich so dämlich, bei offener Tür und offenem Fenster zu pennen. Jetzt habe ich in der übelsten Wüstenhitze Ohrenschmerzen. Absurd.

Ich bin nicht müde, nicht verkatert, nicht „geistig unfit“, aber ich vertippe mich mit einer Quote, dass man mich für einen Analphabeten halten könnte, gäbe es nicht die Rechtschreibkontrolle der Textverarbeitung. Noch drei Seiten Vorlesungsmitschrift, und dann lass ich es für heute sein. Das führt ja zu nix.

Samstag, 14. Juli 2007

#24 – Nachtgedanken III

Kurz vor Eins nachts. Wieder zuhause. Die Party war nett und die Rückfahrt recht rasant. Wie der Kollege sagte: Es ist Sommer, man kann nachts im Hemd nach Hause fahren. Und sobald ich alleine weiterfahre merke ich, dass der Professor recht hat. Was er theologisch begründet, wird mir ganz einfach beim Durchfahren des Wohnheimgeländes rein emotional klar: Das Dasein als Single ist defektiv, der Mensch erst in einer Paarbeziehung richtig Mensch.

Ist es die Luft, das Bier, oder die Begegnung vorgestern, die mich so fühlen lassen. Oder ist es meine alte Angst, etwas zu verpassen? Besser: Verpasst zu haben? Ich weiß nicht wieso, aber in der Retrospektive scheint mein Leben eine einzige verpasste Chance zu sein. Vielleicht bin ich gerade nicht in der Lage, dies angemessen beurteilen zu können. Vielleicht sind es auch nur die typischen, albernen, schwachsinnigen Illusionen, an denen diese meine Generation laboriert: Die Illusion, dass alle anderen viel mehr Spaß haben, viel mehr erleben, dass das eigene Leben minderwertig ist, man andauernd etwas verpasst. Mein Verstand sagt, es ist idiotisch, aber mein Bauch spricht: Es ist nicht gut, dass Du allein bist.

Schnitt: Mein Mitbewohner steht in der offenen Tür, sagt „Gute Nacht“ und auf einem Ohr läuft weiterhin Muff Potter „Die Guten“ und ich denke plötzlich an die kleine Stadt in Osthessen, aus der meine Ex-Ex (oder wie nennt man die Ex der vorletzten Beziehung?) kam. Ich sehe diesen Ort vor mir, einige Straßen. Vor allem die Landschaft, durch die wir ein-zwei Mal mit Fahrrädern fuhren.

Scheiße, ich werde sentimental. Ich weiß, woran diese Beziehung scheiterte, scheitern musste, aber ich kann mich dieses ersten Sommers der großen Liebe nicht entziehen. Urplötzlich zieht dieser Zauber durch das offene Fenster in mein Zimmer und zieht die große Sehnsucht mit sich: Noch mal so verliebt sein, so sorglos, schwerelos verliebt sein. Mit Haut und Haaren. Mein Verstand, den Bier und Müdigkeit zusammen nicht bezwingen sagt: Vergiss es, es ist vorbei: Dich hat der „Ernst des Lebens“. Du bist am Ende Deines Studiums, das Privileg der ersten Semester, dieser Freifahrtschein ist perdu! Mein Herz aber sagt: Ich will es dennoch nochmal, jetzt erst recht, bevor es wirklich zu spät ist.

Freitag, 13. Juli 2007

#23 – Skizze IV

Halb Vier nachmittags. Der Tag ist unbemerkt schon fast wieder gelaufen. Bin irgendwann aufgewacht, Zeitung gelesen, undefinierbare Kopfschmerzen seit gestern abend. Etwas am PC gespielt, mit den Mitbewohnern Kaffee getrunken, neuen gekocht, weiter Kaffee getrunken. Dieser Tag ist nicht zum Arbeiten gemacht. Ich habe keinen Kater, bin nicht übermüdet, bin nur irgendwie „in Watte gepackt“. Zugedröhnt vom „nicht wirklich wach werden“, Kaffee und Musik.

Ich weiß nicht, was mein Körper mir sagen will, falls er mir etwas mitzuteilen hat, aber irgendwas läuft nicht rund. Einige Nächte voller Schlafstörungen, Alpträume. Gestern war mein letzter Tag im Nebenfach. Ich muss nur noch eine Hausarbeit abgeben, aber ansonsten bin ich raus. Es fühlt sich so seltsam an. Nach all diesen Jahren werden es wohl meine letzten „normalen“ Semesterferien werden. Aus, vorbei. Wer weiß, wen ich noch wiedersehen werden, selbst wenn ich noch ein bis zwei Vorlesungen aus Interesse besuchen werde. Ist es Angst? Angst, weil das Ende dieses Lebens, wie ich es so kenne und in dem ich mich eingerichtet habe, unaufhaltsam näherrückt? Oder ist es einfach nur das Wetter? Oder sind es ganz andere Dinge, die in meinem Kopf umhergeistern, sich dem Zugriff meines Bewusstseins entziehen?

Ich hatte gehofft, nach den letzten Monaten „auf Achse“ runter zu kommen, etwas Ruhe zu finden, einen stabileren Alltag mit meiner Arbeit am Schreibtisch, etwas Stabilität in meinem Leben. War wohl nix...

Montag, 9. Juli 2007

#22 – SkizzeIII

Dieses Wetter macht einen verrückt: Regen-Sonne-Bedeckt-Sonne-Regen-Regen-Sonne-Regen. Mein Kreislauf eiert so vor sich hin, und bei allem Kaffee-Abusus, der mit der Hoffnung, sich dadurch irgendwie arbeitsfähig zu kriegen, dazukommt, ist nichts mehr zu reißen. Ich werde davon nicht wach im Hirn. Ich kann nur nicht mehr schlafen, kriege Schweißausbrüche und leichtes Zittern. Aber konzentriert denken kann ich nicht. Es ist hart, sich zu konzentrieren. Der Körper hat sich langsam daran gewöhnt, wieder ausreichend Schlaf zu bekommen und wieder regelmäßig im selben Bett zu liegen. Auch das Hirn läuft langsam wieder an. Langsam...

Gestern noch auf der Terrasse gesessen und mit viel Unlust für die heutige Klausur gelesen. (Lernen hieße, es wäre effektiver gewesen). Knapp einem Sonnenbrand entkommen und heute muss ich um 11h Licht machen, damit ich ordentlich lesen kann. Wenigstens klingt der Regen nach Sommer und nicht nach dem üblichen Herbst-Winter-Frühlingsgefissel. Wenn ich schon beim morgendlichen Zeitungslesen auf das Datum sehen muss, um mir klar zu machen, wo im Jahr wir uns gerade befinden, ist das ein Zeichen, dass es hinter dem Fenster nur indefinit grau-finster ist. Ich kann so nicht arbeiten, nicht lernen, nicht für diese Klausur, auf die ich keine Lust habe, bei der ich keinerlei Ambitionen habe, mehr als „4 gewinnt“ zu spielen. Das Thema war nett, solange wir im Seminar saßen und der Professor mit seiner Begeisterung für die Skurrilitäten, die darin zu entdecken sind, einen durch den frühen Abend zog. Aber die Vorstellung, dieses Panoptikum der seltsamen Projekte, spinnerten Autoren und naiven Deppen zu verinnerlichen, behagt mir nicht. Der Gedanke, die seriösen Theorien, Unternehmungen und Organisationen, denen der Reiz der Idiotie abgeht, in mein Hirn zu zwingen, ist mir noch weniger hold.

Ich kann so vielleicht arbeiten, aber ich will nicht. Ich werde neuen Kaffee kochen und weiter meine Karteikarten schreiben. Vielleicht lese ich sie ja ernsthaft in den Veranstaltungen vor der Klausur. Mal sehn. Wenn es nichts wird, wird eben eine Hausarbeit geschrieben...

#21 – Nachtgedanken II

Da sitze ich nun im „Gemeinschaftsraum“ unseres Wohnheimflures. 4 kleine Bier intus und einiges an Rum. Ich merke es, ich genieße es. Es ist weder ein Spieleabend mit Freunden noch irgend ein anderer von den „üblichen legitimen“ Gründen einen zu trinken. Wir sitzen hier zu zweit, und haben unseren Grund. Einfach dasitzen, trinken und das Gespräch seinen Weg finden lassen. Geschichten aus der Vergangenheit, Anekdoten aus dem laufenden Semester und was uns sonst noch so durch den Kopf geht. Wir sind jung (auch wenn die Semesterzahl einen manchmal alt fühlen lässt), also dürfen wir das. Ist zwar eine etwas dürftige Legitimation, aber besser jetzt, als in zehn Jahren. Noch können wir uns so etwas erlauben, der Ernst des Lebens hat uns noch nicht ganz im Griff, die Reue wird sich morgen in Grenzen halten. Wir sitzen hier zu zweit und versichern uns gegenseitig, betrunken zu sein. Morgen wird es uns nicht sonderlich gut gehen, aber das ist eben Teil des Plans.

Doch, das muss einfach sein. Uns geht es gut, und das ist, was heute Nacht zählt.

Mittwoch, 27. Juni 2007

#20 - Unterwegs VIII

Ich reise zu viel, oder ich denke zu viel, wenn ich im Zug sitze und den Laptop aufgeklappt vor mir liegen habe. Wochenende gelaufen, Vortrag war gut, spannende Bekanntschaften gemacht, halbwegs geschlafen. Halbwegs noch auf Koffein, aber nicht mehr so radikal übermüdet. Abendsonne vergoldet den Petersberg. Ich bin die Rheinschiene zu oft gefahren in den vergangenen Monaten. Nein, ich kann nicht sagen, dass ich Bonn kenne. Aber ich kenne dieses eine Haus an den Gleisen und den Weg vom Bahnhof dorthin. Diese wenigen Schritte vom Bahnhof dorthin gehen, klingeln, um den Hals fallen. Wisst Ihr, was mir die seltenen, kurzen Stunden bei und mit Euch bedeuten? Weiter rauscht der Zug nach Norden. Bono Vox singt: „You get confused, but you know it“, wenn ich ihn recht verstehe. Der Stress ist weg, einfach weg, die Spannung fehlt, die mich die letzten Wochen gepusht hat. Ich habe den Reiz und Kitzel geliebt, bei allen anstehenden Pflichten erst einmal die Nacht zum Tag zu machen, den Druck zu erhöhen, meine Versagensangst zu provozieren, um ihr nachts mit einem Bier in der Hand ins Gesicht zu lachen! Dass ich ein wenig übertrieb, ist mir bewusst. Ich muss Dir nochmals danken, Hangman-Queen, für das Fangen, das Tippen. Diese Zugreisen sind doch immer wieder kleine Weltreisen für mich. Nur ein paar hundert Kilometer durch Deutschland, die Ziele oft irrelevant in ihrer Eigenart. Orte als Mittel zum Zweck. Es sind Reisen zwischen der kleinen Welt meines Studienortes. Der Ort, an dem ich mit meinen Freunden lebe, feier, Spaß habe, wo ich mich an Nähe, Verstehen und geteilten Emotionen geradezu berauschen kann. Und die Welt „draußen“, des Vereins, der Ämter und Funktionen. Sitzungen, Vorträge, kleine Animositäten zwischen Organisationen, Organisatoren. Eine Welt der Geselligkeit bei einem Glas Wein, der Gespräche, die dann selten völliger Selbstzweck sind. Eine Welt voller spannender Personen, Begegnungen, Gespräche, aber keine Welt des Sich-fallen-lassens. Ist sie nicht, soll sie nicht sein. Die Welt des Sich-engagieren kann nicht die Welt des Sich-fallen-lassens sein. Jedem Engagement muss doch ein „Zuhause“ gegenüberstehen, in das man müde, erfüllt aber auch mal gestresst oder gereizt zurückkehren kann. Jedem „Zuhause“ muss eine Welt gegenüberstehen, in die man aufbricht, ausbricht, in der man sich einbringt, Rollen spielt, Funktionen versieht, Visionen ersinnt und in Gremien zu verkaufen sucht. Jeder braucht ein „Schneckenhaus“, in das er sich zurückziehen kann. Und es ist erstrebenswert, in diesem geschützten Raum Menschen zu haben, die man liebt, von denen man geliebt wird, einen Partner und gute Freunde, bei denen man jede Maske, Fassade, Rolle und jedes Amt mit allen Sorgen an den Garderobenhaken hängen kann. Ich denke, ich weiß, wo ich heute Abend noch klingeln werde, wenn ich mit meinem Gepäck aus dem Bahnhof stolpere. Kurz „Hallo“ sagen, ein „Schön, dass es Euch gibt“. Zu morgen Abend steht noch ein Referat an, doch das schreckt nicht. Material ist da, Zeit genug, etwas zu konzipieren und eine gemütliche „vier gewinnt“ Mentalität. Es hängt eben doch nicht wirklich etwas davon ab. Die Klausur wird schon wichtiger sein. Doch bis dahin sind noch zwei Wochen. Mal sehen, wann die Anspannung kommt, wenn sie denn kommt. Wenn sie kommt, dann wird gefeiert!

#19 – Unterwegs VII

Das ist der Inbegriff von Nebenstrecke: Mannheim – Heilbronn. Nicht elektrifiziert, alte Nahverkehrswagen, die seit Jahren ausgeschlachtet oder in den Osten verkauft dachte. Kleine Orte mit Bahnhöfen auf denen man offiziell über die Gleise von einem Bahnsteig zum anderen geleitet wird. Und das Ganze in einem Zustand, der mit kurz-vor-Trance getroffen ist. Mehrere Wochen Schlafmangel, eine sorgsam gezüchtete psychische Kaffee-Sucht als Basis. Eine Nacht, in der Alkohol einen guten Teil des Schlafes ersetzte und seit gestern Nachmittag keinen Kaffee mehr.

Draußen formen – fast schon künstlich wirkend – kettenweise runde Hügel die Landschaft, überzogen von kleinen, bunten Feldern. Hecken und wieder Waldstücke geben andere Nuancen dazu. Direkt über uns steht eine zerrupfte Regenwolke, die sich gemächlich erleichtert. Über dem geschwungenen Horizont strahlt der Himmel in traumhaften Blau mit kitschpostkartigen Wolken.

Ja, es ist schon eine nette, liebliche Gegend. Was ist das hier eigentlich? Baden? Württemberg? Grenzland? Bindestrich? Ich mag es, Landschaften, die ich durchreist habe, ein Etikett aufkleben zu können. Es sieht nett aus hier, sanft und beschaulich, aber bleiben wollte ich nicht.

Immer wieder nicke ich kurz ein, vom wilden Rütteln des Zuges am Schlaf gehindert. Die Augen halb offen, halb zu kommen kurze Wachträume. Die Musik im Ohr schottet mich ab. Erinnerungsfetzen mischen sich in meine Wahrnehmung und ich muss die Augen aufmachen und den Kopf drehn, um mir klar zu werden, dass ich allein bin. Das Lachen und die Gesichter meiner Freunde kommen aus der letzten Nacht, der Schweiß vom Fehlen einer Klimaanlage. Um die Fahrt zu genießen bin ich zu müde und der Horizont zu nah hinter dem Fenster.

Ein richtiger Bahnhof, mit Strom, Lautsprecher und einem Gebäude. Welcher Fluss es auch gerade war, dessen schlammigbraune Fluten wir gerade auf einer hohen Brücke querten, hinter ihm öffnete sich wieder der Horizont, die Wolkendecke tut es ihm nach und das wüste Ruckeln scheint weniger zu werden. Die vertraute Szenerie von Bundesstraßen, Industriegeländen kehrt an den Rand des Bahndammes zurück. Nein, schön ist es nicht, aber obwohl ich hier noch nie war, es ist ein vertrauteres Bild. Diese Strecke zwischen Heidelberg und Neckarsulm ist schon eine faszinierende Auszeit, ein interessanter Kontrast zur ICE-Schnellfahrstrecke über Siegburg/Bonn. Allein dieses wechseln vom neuen, stylischen, komfortabel-eleganten ICE 3 auf diese altertümlichen kleinen Bahnen, die mehr zuckeln, denn fahren. Bahnfahren ist Abenteuer, wenn man es nur als solches erkennt.


Mittwoch, 13. Juni 2007

#18 – Unterwegs VI

Bin ich auf Reisen, gehen meine Gedanken stets auch auf selbige. Und nur zu oft, wandern sie völlig autonom, selbstbestimmt und unkontrollierbar dorthin, wo ich sie nicht haben will. Wir gleiten durch die sanft geschwungene Weite Ostniedersachsens. Unter strahlend blauem Himmel üppige Farben geradezu eine Orgie von Grüntönen, die die Felder und Wiesen von Leben und Kraft strotzen lassen. Vor einigen, wenigen Wochen wäre dies für mich ein erhebender Anblick gewesen. Anlass zur Freude, zu fast alberner Lebensfreude und Lebenslust.

Doch Niederlagen kommt der Zweifel, der miese Beigeschmack, den man lange nicht loswird, dieser kleine, fiese Parasit, der sich in meinem Kopf festgesetzt hat und sein Gift in mein Denken träufelt. Manchmal hilft dann nur Betäubung. Müdigkeit und die richtige Musik packen mich zwar nicht so in Watte und federn das Elend ab, wie die paar Bier gestern Abend. Doch in meinem Ohr brüllt Kai Wingenfelder „It's all right now, all right now...“ und er reißt mich mit. Am liebsten spränge ich mitten im Großraumwagen (als wenn es noch ernsthaft Abteile gäbe) auf und schrie die Zeilen mit. Besser als mit Blixa Bargeld „Fütter mein Ego“ zu krakeelen. Ungeduld ist mein zweiter Vorname. Kopf hoch und weitermachen fällt mir immer leichter, wenn ich weiß, wann die Durststrecke überwunden sein mag. Ich hoffe, es dauert nicht all zu lang, bis ich in Thees Uhlmanns „Bei mir ist heile Haut, wo eine Wunde war“ einstimmen kann... Solange halte ich mich an The Devlins: „Waiting“.

#17 – Unterwegs V

Sehe aus dem Zugfenster. Diese Stadt, dieser Bahnhof: Wohlvertraut, die Stadt meiner Kindheit, der Bahnhof des „Am Wochenende zu den Eltern Fahrens“ der ersten Semester. Wohlvertraut und dennoch immer fremder werdend. Das ist der Lauf der Dinge und ich bin nicht sentimental. Ich merke nur die Leerstelle, die der Fortzug aufgerissen oder offengelassen hat: Wo ist meine Heimat? Diese Stadt, in der ich die ersten 19 Jahre lebte, habe ich nie ganz kennengelernt, Stubenhocker, der ich war. Die Grenze des Vertrauten rückt immer näher an mein Elternhaus heran. Es sind nur noch wenige Straßen übrig, der Rest ist entfremdet. Aber auch die neue Stadt, in der ich seit nunmehr 5 Jahren lebe, studiere, feiere, spazierengehe, mich freue und verzweifle ist mir nur ein Zuhause. Es kann auch nicht mehr sein. Es fehlt das tiefe Netz von Verbundenheit und Kontakten, welches meine Freunde nicht sein können, sind sie doch selbst „neu“ und nicht alteingesessen. Kann ich überhaupt schon „Heimat“ haben? Kann ich überhaupt mehr als nur „Zuhause“ haben?

Mittwoch, 6. Juni 2007

#16 – Skizze II

Man kann zu einem Gipfel wie dem in Heiligendamm stehen, wie man will. Ebenso zu dem Thema desselben. Doch anlässlich des dortigen Geschehens, speziell den Umständen, welche die Bekanntheit des Terminus „Schwarzer Block“ massiv steigerten, sollte man sich die Zeit nehmen, einmal gewisse Grundhaltungen und Verhaltensmuster mit Konsequenz weiterzudenken:


Nicht nur in Rostock, beispielsweise auch im Rahmen von Demonstrationen gegen Studiengebühren, werden vor Beginn Verhaltensmaßregeln ausgegeben, für den Fall der Eskalation. Frage: Ist dies nicht ein implizites Eingeständnis eigener Gewaltbereitschaft? Ein Eingeständnis, welches ja als Veranstalter nicht offen ausgesprochen werden darf, um die Veranstaltung durchführen zu können? Oder zumindest ein Zeichen, die Gewaltbereiten unter den Anwesenden weder ausschließen noch kontrollieren zu können oder zu wollen?

Egal, wie diese Fragen zu beantworten sind, was damit einhergeht, ist der Aufbau eines Feindbildes „Polizei“, und hier wird es bedenklich. Natürlich befriedigt es ein Gefühl des „Dagegen-Seins“, des „Aufrührertums“ (und vielleicht auch einen „Ich war 1968 noch nicht geboren“-Komplex). Es schafft eine wundervoll einfache Dichotomie von Gut und Böse. Man gibt den Menschen in ihrer Wut ein direktes Gegenüber, denn sie werden ja weder des US-Präsidenten noch der Universitätsrektorin habhaft, der Polizist ist jedoch ein klares Gegenüber, physisch erreichbar.


Die Schaffung dieses „Feindbildes Polizei“ hat zwei massive Konsequenzen.

Zum Einen: Wenn die Polizei notwendig ist, um sowohl Akteure des Protestanlasses (Politiker etc.) in ihren Grundrechten wie der körperlichen Unversehrtheit, als auch das Eigentum unbeteiligter Dritter (z.B. PKWs von Anwohnern) zu schützen, so ist es ein Indiz dafür, dass der Gewaltbereite diese Grundrechte nicht zu achten bereit ist, also (gerne im Namen der Gerechtigkeit) den direkten Bruch von Grundrechten in Kauf nimmt oder plant, es sind ja nicht seine!

Doch nicht nur gegenüber einzelnen Mitmenschen wird der Gewalttätige schuldig (und die massive moralische Schuld soll hier nicht mal thematisiert werden). Auf der anderen Seite wird auch das Kollektiv aktiv beschädigt. Wer die Polizei zum Feind erklärt, der tut es, weil er sie als Instrument des Staates (die sie ja ist) zu seinem Feind erklärt. Wer aber die Polizei als ausführendes Organ des Staates zu seinem Feind erklärt, der erklärt den Staat zu seinem Feind. Ein Feind, der in der Polizei greifbar wird. Wer dies tut, der sieht auch keine Probleme darin, Staatseigentum gegen diesen zu verwenden, in dem er beispielsweise Pflastersteine aus der Straße reißt und wirft. Das hat alles eine innere Logik, die nicht beanstandbar ist. Der Staat ist der Feind, alles was des Staates ist, ist schlecht, böse und zu bekämpfen.

Wir leben jedoch in einer Demokratie: Alle Macht geht vom Volke aus! Der Staat sind wir alle, das ganze Kollektiv der Staatsbürger. Und wenn es allein darum geht, dass dem Staat Kosten verursacht werden, so umfasst das Kollektiv alle hier lebenden Menschen, denn jeder ist Steuerzahler.


Wer also dem Staat Schaden zufügt, fügt den Einwohnern dieses Landes Schaden zu.

Wer den Staat zu seinem Feind erklärt, erklärt sich zum Feind des Staates.

Wer Feind des Staates ist, ist Feind der Gesellschaft.

Wer Feind der Gesellschaft ist, ist im wahrsten Wortsinne asozial.


Ist den Menschen, die anlässlich einer gerechten Sache kämpfen und nicht streng darauf bedacht sind, Gewaltfreiheit und Legitimität zu wahren, bewußt, was sie tun oder zu tun bereit sind? Ich denke in den seltensten Fällen. Wir leben in einer Gesellschaft, die das entpersonalisierte, entmenschlichte Feindbild des antlitzlosen Staates gerne verwendet (und im Falle mancher Medien auch gerne mal schürt), um den „Abzocker-Staat“ und „die da oben“ zu geißeln, und auch um ohne Gewissensbisse fremdes Eigentum zu beschädigen. Wir leben in einer Gesellschaft der Egomanie, der weitgehend das Bewusstsein fehlt, Teil des ganzen zu sein. Verursache ich dem Staat schaden, so erhöhe ich nur meine Steuerlast, und „die da oben“ sind durch freie, geheime und gleiche Wahlen legitimiert. Wer nicht wählt, darf sich nicht beschweren.

Doch wer statt des sachlichen, friedlichen Protestes die Gewalt wählt und sucht, der diskreditiert nicht nur das Anliegen aller Demonstranten, sondern schließt sich selbst aus der Gesellschaft aus, statt sie zu verändern. Denn Gewalt erzeugt Gegengewalt. Und man kann sich den Polizeistaat auch selbst herbeiprügeln. Wir leben nicht in einer der innerasiatischen Despotien, oder anderen Unrechtsregimen. Die Polizei schützt die Regeln, die wir uns selbst gegeben haben. Nach dem vergangenen Wochenende scheint die Erkenntnis zu wachsen, dass Randale nicht der Mehrheit dienlich sind. Dieses Land bewahren und zum besseren wenden können wir nur, in dem wir unsere Meinung sagen, an der Wahlurne und auf der Straße, aber ohne Gewalt.


Dienstag, 5. Juni 2007

#15 – Einwurf V

Disziplin und Geduld

sind nicht meine Stärken.

Kann ich von Dir direkte

Ehrlichkeit erwarten?

Montag, 28. Mai 2007

#14 - Unterwegs IV

Pfingstsonntag, Rückfahrt, nahezu allein im Zug, nach 20 Minuten warten in Lippstadt. Meine Nerven sind wieder halbwegs in Ordnung, mein Puls beruhigt. Ich weiß seit langem, dass mein Verstand der schwächere Teil ist. Der wahnhafte Wunsch, den Irrealis zu träumen ist übermächtig. Keine Überlegungen, was möglich, denkbar, erwartbar ist. Nein! Wenn, dann will ich die Vision des Unwahrscheinlichen sehen, eben jenen Traum träumen, der der Wirklichkeit am entferntesten ist.

Ich bin nicht taub auf dem inneren Ohr, in welches der Verstand in mein Denken flüstert. Ich bin nicht taub und höre auch nicht weg. Ich höre ihm schon zu und wische auch nicht gleichgültig bei Seite, was er sagt. Ich freue mich über diesen Anker der Vernunft, die meinen Geist an die Wirklichkeit kettet. Aber ich erlaube dem Traum zu fliegen, so weit die Kette reicht. Ich habe kein Interesse daran, diese Kette zu kürzen. Ich will träumen, hoffen, fliegen und am Ende wieder schmerzhaft mit dem steinharten Boden der Realität kollidieren.

Vermutlich brauche ich das. Vielleicht ist es eine Form latenten, unbewussten Masochismus', die ich so zu befriedigen suche. Das Risiko des Realitätsverlusts ist – wie unwahrscheinlich er auch immer sein mag – bekannt. In diesem Bewusstsein fliege ich, träume ich, entfliehe dem engen Korsett meiner Existenz, diesem unsichtbaren Gefängnis des Reflektierenden. In diesem Bewusstsein lache ich der unschönen Wahrheit ins Gesicht: „Du magst zwar die Realität sein und ich nehme Dich mit aller Konsequenz wahr und ernst. Aber wenn das Unwahrscheinliche geschehen sollte, dann bin ich vorbereitet.“

Nicht das, was nicht ist, sondern das, was ist, ist Grund zum träumen. Nicht das, was nicht ist, sondern das, was ist, ist Grund zum Handeln.

Freitag, 25. Mai 2007

#13 – Einwurf IV

Der Verstand schreit laut, was vernünftig ist. Warum ist das Herz so taub? Sind unbewusste Wünsche so viel stärker als die bewusste Vernunft? Anscheinend will ich leiden...

Dienstag, 8. Mai 2007

# 12 – Einwurf III

Es ist schwer und schmerzhaft zu sagen: „Dieses Leben ist falsch, muss dringend verändert werden!“ Die Erkenntnis und das Aussprechen allein sind schlimm, doch der wahre Schrecken kommt erst noch: Ist erst bewußt, wie radikal der Umbau sein muss, kommen Angst und Gewohnheit Hand in Hand zur Sabotage.

„Selbsterkenntnis ist der erste Schritt...“ – Aber der erste Schritt ist lächerlich!

Sonntag, 6. Mai 2007

#11 – Ängste II

Meine Vernunft sagt, es ist Unsinn. Mein Bauch sagt: Nimm den Spaß mit! Das Konto sollte besser schweigen und an den morgen danach will ich gar nicht denken.

Ich bin gerade überfordert mit meinem Leben. Zu wenig Geld, für alles, was ich machen wollte, zu wenig Zeit um überall dort zu sein, wo ich wollte. Dazu ein völlig neues „Zuviel“ an Disziplin, um zu ignorieren, dass der nächste Tag schon um 8h meine volle Aufmerksamkeit erfordert. Wer feiern kann, kann auch arbeiten, und wer das eigene Feierverhalten kennt, der weiß, was zu tun ist, um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten.

Jahrelang hatte ich die Angst „etwas zu verpassen“. Jahrelang hatte ich immer nur das Gefühl, „draußen“, irgendwo „da draußen“ ist die ewige Party, auf der alle anderen sind. Und jetzt sitze ich hier, im Kurzurlaub und mache mir Sorgen ob meines Lebenswandels. Ich sitze bei meinen Veranstaltungen in der Uni, ich bereite mich vor, bereite einiges nach (was ich sonst nie tat) und habe einen regelmäßigen Wach-Schlaf-Rhythmus. Alles soweit gut und sinnvoll.

Und ich habe einen Freundeskreis gefunden und aufgebaut, der nicht die ewige Party macht, aber eben mit derselben Disziplin und Intensität feiert, wie sie engagiert studieren. Es fällt mir so schwer, nein zu sagen, da ich es einfach nicht gewohnt bin, für einen Abend mehrere Einladungen (gelegentlich auch noch in verschiedenen Städten) zu haben. Ich werde morgen auf das Konzert gehen, egal, wann ich dann im Bett bin. So ein Konzert ist etwas anderes als ein Kneipenabend. Und Kaffee für den Morgen habe ich genug im Haus.

Was mein Bauchgefühl und mein Verstand auch sagen: Der Abend wird gut, der nächste Tag schrecklich und darauf folgt einfach eine lange, lange Nacht.

Donnerstag, 3. Mai 2007

#10 – Unterwegs III

Weiterfahrt, Heimfahrt am Vormittag. Wie die Kleider doch Leute machen. Hemd, Sakko, Hut und man wird wahrgenommen. Man fällt doch ausreichend aus dem Rahmen, dass man verwundert oder amüsiert angesehen wird. Wie alt sehe ich eigentlich in diesem Aufzug aus, dass mich gleichaltrige siezen? Die Zeit verrinnt, man merkt es morgens vor dem Spiegel und wenn man unterwegs ist. Nein, nicht das Verstreichen der Reisezeit, das Näherrücken des Zieles in Raum und Zeit, sondern der Blick aus dem Fenster. Je vertrauter die Strecke, die man fährt, desto stärker merkt man, wie schnell in den letzten Tagen der Frühling das Land überrollte. Volles, sattes Grün unter dem blauen Himmel, wo neulich nur grau-brauner Boden und kahle Bäume waren.

Der Laptop ist schon ein feines Spielzeug. Die volle Auswahl an Musik auch im Zug. Großartig, wenn man nicht im letzten Quartier die Kopfhörer vergessen hätte. Also doch wieder keine akustische Flucht vor den überforderten Eltern und ihren Kindern drei Reihen vorher. Und seit Köln leider auch wieder dem letzten Rest Strom im Akku ausgeliefert, da der Platz an der Steckdose einer Reservierung zum Opfer fiel. Weiter geht es durch das im frischen Grün strahlende Rheinland bei wolkenlosem Himmel und Sonnenschein. Wie soll man da noch motiviert sein, gleich vom Bahnhof ins Seminar zu gehen? Der Hörsaal mit der lauten Klimaanlage ist nicht sehr verlockend, wenn draußen die Rapsfelder gelb strahlen, als wollten sie mit der Sonne in Wettstreit treten...

#9 – Nachtgedanken II

Wer bin ich? Ich kenne die Antwort nicht! Wie bin ich? Ich kenne die Antwort, und ich mag sie nicht! Wie sehen mich andere? Ich kenne nur Einblicke, und ich wüsste gern mehr.

Es ist eine Sache, damit klar zu kommen, wer und wie man ist. Eine andere Sache (und ggf. eine leichtere) ist es, damit klar zu kommen, wie man wirkt. Das Bild, das andere von mir haben zu mögen, heißt, einen Teil dessen, wie ich bin, zu akzeptieren. „Therapy“ spielen kann Erleuchtung bringen. Darüber, wie man auf andere wirkt und wie wenig man manch andere kennt und einschätzen kann. Doch, ich kann mit dem Ergebnis leben. Es ist nahe an meinem Selbstbild, also fern von massivem Irrtum. Aber es ist so, dass ich mich so, wie die anderen mich sehen, akzeptieren kann. Eine beruhigende Erkenntnis zum Abend.

#8 Unterwegs II

Wieder im Zug. Ich reise in die eine Richtung, meine Gedanken in die Andere, sie bewegen sich zrück und auch im Kreis. Ungeduld . Ich kann nicht warten, ich will es auch nicht. Ich will eine Antwort, jetzt, hier, am Besten schon gestern! Es ist die einfache Frage nach Korb oder nicht Korb! Ich will doch nur die Chance eines Kennenlernens, wissen, ob alle Anfangssympathie denn ein Fundament hat. Ich will nicht das große Ziel, ich will nur wissen, ob es sinnvoll ist, es überhaupt anzustreben. Es ist so wenig, was ich will, und doch viel zu viel!

„Ich möchte viel zu viel, das weiß ich ganz genau“ Diese Liedzeile dreht in meinem Kopf ihre Kreise, lässt mir keine Ruhe. Ich weiß, dass es mir nicht gut tut, überhaupt darüber nachzudenken, aber habe ich jemals ernsthaft das getan, von dem mein Verstand sagte, dass es gut und richtig ist?

Ziel des Wochenendes: Arbeiten, feiern, ablenken und abwarten!

Freitag, 20. April 2007

#7 Einwurf II

Ich habe es gelernt, mit Alkohol umzugehen (zumindest prinzipiell). Mit Kaffee gebe ich mir aber fast regelmäßig eine Überdosis. Warum bloß?

Samstag, 14. April 2007

# 6 - Skizze

Tomte – Buchstaben über der Stadt – der Bookletbegleittext. Tränen in den Augen. Die große Melancholie gewisser Hamburger Bands. Sehe nur ich das so? Spüre nur ich diese eine, große, überwältigende, schwer ergründbare Traurigkeit. Ist das die Musik? Sind es die Texte? Oder bin ich es? Vielleicht liegt es an mir, an tiefen Sehnsüchten, Erinnerungen und Träumen, die sich durch diese Worte und Töne wecken lassen. Aus meinem Inneren kriechen, Laut geben, sich zurückmelden aus der Verbannung? Ich weiß es nicht und will es auch nicht so wirklich wissen. Ich weiß nur, dass mir die Tränen in den Augen stehen vor süßer Schwermut. Die „Süße“ der Schwermut ist ein Faszinosum: Sie lässt das Schmerzhafte klar erkennbar, schmeckbar werden, gibt der Melancholie Kontur. Und sie gibt Trost, es ist traurig-schön.

Musik für die kommenden Monate, und ich weiß jetzt schon, wie ich mich an den Frühling und Frühsommer erinnern werde. Wie ich mich fühlen werde. Ich hoffe die Süße überwiegt.

Sonntag, 11. März 2007

#5 Unterwegs

Unterwegs im Zug. Die Rheinschiene hinab durch eine Landschaft, die ich nur flüchtigst kenne. Was ich aber kenne ist der Mythos des mittleren Rheins, des alten Vater Rhein, der zwischen Mainz und mit seinen Weinbergen und Burgruinen dahinfließt. Ein einziger Zeuge und Nachhall dessen, was von der Romantik an über das Land hiaus zum Mythos gerann. Der alte Vater Rhein, der Bingener Mäuseturm, die Loreley und das Siebengebirge. Für Generationen nicht nur Orte oder bloße Namen, sondern Kulminationspunkte eines romantischen Patriotismus. Meiner Generation allerhöchstens eine Chiffre, Schlagworte, Relikte einer Vergangenheit, Denkmäler der Vergänglichkeit propagierter Ewigkeit. Panta rhei! So wie der ewige Rhein zum Meer fließt, so verfließt die Zeit. Und wie der Fluss Kies und Sand vom Berg zur See spült, so trägt die Zeit bröckchenweise den Mythos vergessener Vorväter davon.

Die Hügelketten weiten sich und durch die Kölner Bucht scheint die tiefe Sonne des Märznachmittags. Die Besinnlichkeit wurde ebenfalls davongespült von den Menschen, die ab Bonn die leeren Sitze füllen. Gesprächsfetzen, Geräusche, nicht mehr allein das Rascheln zweier Leser, die gründlich, gemächlich und daher geräuscharm ihre Wochenzeitung studieren. Die passenderweise „Zeit“ heißt, und träge wie der Rhein zwischen den Fingern und unter den Augen der Leser verrinnt.

Kommt man von Süden, so weichen die Berge mit den Burgruinen (und dem Nachhall ihrer zweiten Blütezeit der romantischen Verklärung) zurück, um den Landmarken, Denkmälern, Zeichen einer postromantischen Zeit Raum zu geben. Die Menschensilos und Fabrikschlote: Diese in Beton gegossene und geronnene Frage, ob künfige Generationen in der Lage sein werden, diese romantisch zu verklären, zu verkitschen. Doch im Gegensatz zur gelegentlichen Burgruine oberhalb eines Winzerdorfes am Flussufer, können die Wohn- und Bürotürme nicht gelinde und geflissentlich übersehen werden. Aber in der Post-Postmoderne gibt es auch den Rückbau solcher Strukturen, den systematischen Abriss, welcher den allmählichen Verfall des Verlassenen in zeitlicher Dimension zusammenschnurren lässt.

Spontan kommt die Diskussion um den Hochhausneubau am Rheinufer, die „Todesdrohung“ gegenüber dem UNESCO-Schutz des Kölner Doms. Kommt man von Bonn im Zug, sieht man den Dom doch erst auf den letzten Metern. Ist die UNESCO-Kommission hier mal Zug gefahren?

Mein Verhältnis zu diesem Bau ist (und bleibt?) massiv subjektiv gefärbt. Wie der Mittelrhein von der (National-)Romantik mythologisch aufgeladen, war er für mich nur kalt, finster und voller Touristen. Der Mythos wie das Gewölbe: überzüchtet und hochgejazzt. Auf Neudeutsch: Derart gehyped, dass mir nur ein schaler Geschmack milder Enttäuschung und Gleichgültigkeit bleibt.

Ab Köln wieder Stille. Dies ist seit Jahren meine zweite (Hinfahrt eingerechnet: erste) Zugfahrt ohne Musik im Kopfhörer. Und schon Freitag war ich erstaunt, um wieviel erträglicher es ist, als meine Erinnerung vorgaukelte. Ich will ja keine Bibliotheksruhe im Zug. Ich freue mich, wie Eltern mit ihren Kindern spielen oder ihnen vorlesen, zufällige Menschenkonstellationen interessante Gespräche führen. Diese Momente, in denen die Anonymität unserer Gesellschaft durchbrochen wird, sind wertvoll. Aber die wichtige Toleranz gegenüber untröstlich weinenden Säuglingen, streitenden Kindern und betrunkenen Kegeldamen respektive Fußballfans fällt mir leichter, kann ich mich per Ohrstöpsel oder Kopfhörer ausklinken. Hat man die Muße zu sinnieren, sind Gesprächsfetzen anregend. Muss aber gearbeitet werden, so erleidet die Konzentration Folter.

Wir eilen Düsseldorf entgegen und die Sonne touchiert den Horizont. Die Ebene ist von Starkstrom-Überlandleitungen verhangen. Der strahlend blaue Himmel verspricht eine kalte Nacht, der Zugchef hingegen verspricht nur noch die aktuelle Verspätung, wartende Anschlusszüge nicht mehr.

Nach dem turbulenten Wochenende lacht am Ziel der janusköpfige Abend. Ruhe, aber allein. Und wieder kommen die leisen Fragen, wie sie jeden Abend aus ihren Löchern gekrochen kommen: Was ist, wonach Du Dich sehnst? Ist es jene Frau, oder ist es das, was sie für Dich verkörpert? Verkörpert sie es überhaupt, oder projiziere ich dieses alles nur auf sie? Solange ich sie nicht näher kenne als Name, Gesicht und Klang ihrer Stimme – dieses charmante Lachen – werde ich nicht erfahren, ob ich sie als Person oder als Projektionsfläche begehre.

Doch heute eilt es mir mit dieser Frage nicht. Ich weiß, dass ich dieses Begehren verspüre und das Verlangen in der Einsamkeit der eigenen vier Zimmerwände stärker werden wird. Die morgige Arbeit wirft ihren Schatten voraus, doch es kümmert mich nicht.

Nachricht: „Dieses Herz ist für Sorgen und Ängste vorübergehend nicht erreichbar. Bitte versuchen Sie es morgen noch einmal.“

#4 Einwurf

Jeder Mensch strebt nach Anerkennung – unbewusst oder bewusst. Aber nicht jeder Mensch strebt nach Lob. Andere kennen nur diese Form und sind ihr verfallen.

Mittwoch, 7. März 2007

#3 – Glück?

Was ist Glück? Diese Frage ist sicherlich einerseits eine Frage, die nach Abstraktion, nach Analyse und einer allumfassenden, letztgültigen Antwort verlangt. Die Frage nach dem Glück ist janusköpfig, denn sie kann genauso situativ beantwortet werden.

Die akute, situative Antwort auf die Frage nach dem Glück erhebt jedoch auch keinerlei Anspruch darauf allumfassend und/oder letztgültig zu sein. Es ist das Glück selbst, welches in zwiefacher Gestalt uns begegnet. Zum Einen als logisch-rationale Größe, abstrahier-, begründ- und verhandelbar. Zum Anderen als die reine, akute Emotion. So sehr man darüber sinniert, was „Glück“ ausmachen mag; die Empfindung „Glück“ ist unkontrollierbar, argumentativ nur begrenzt greifbar, sie ist situativ bedingt. Das Glücksempfinden ist einfach da. Es fragt nicht bewusst nach langfristigen Lebensentwürfen, es fragt nicht nach Perspektiven, Weltanschauungen, Plänen: Wenn man Glück empfindet, dann passiert es einfach, unabhängig davon, ob der rational erstellte Plan vom eigenen Leben für diesen Moment „Glück“ (als Emotion, nicht als abstrakten Wert) umfasst. Ob es der alte Freund ist, mit dem man über ein paar Flaschen Wein ein wundervolles Gespräch über die „wirklich wichtigen Dinge“ führt; oder ist's die phänomenale Frau, die nach einigen kurzen, netten Gesprächen einen noch immer zu mögen scheint. Oder ist es nur das passende Lied, das einem in der passenden Stimmung begegnet.

All dies sind Momente wahren Glückes, die keinem Lebensentwurf gehorchen, die einfach entstehen, geschehen. Die harte Droge „Glück“ ist rein emotional erfahrbar, kann jedoch nicht erzwungen werden. Und jeder Moment des Glücks ist doch wertvoller als alle Momente des „Du solltest (logischerweise) glücklich sein“. Und das Glücksempfinden, wirkt wie andere Drogen auch. Beginnt man nach einer langen „Entzugsphase“, einer emotionalen Kaltzeit, plötzlich wieder Glück zu spüren, so haut es einen nur um so mehr um. Gilt nur noch zu klären, ob es beim Glücksempfinden einen „Goldenen Schuss“ gibt.


Samstag, 3. März 2007

#2 – Ängste

„Ich leide an Versagensangst, / besonders, wenn ich dichte. / Die Angst, die machte mir bereits / manch' schönen Reim zuschanden.“ Unter dem Titel „Bekenntnis“ schrieb dies Robert Gernhardt. Ich wünschte, ich könnte ebenso locker-ironisch mit selbiger Empfindung umgehen. Was auch immer ich tue, ich habe Angst. Mal mehr, mal weniger; mal bewusst, mal sublim. Aber die Versagensangst steht morgens mit mir auf, und kommt abends mit ins Bett. Sei es die Seminararbeit, die ich mir einfach nicht zutraue, oder das Seminar, zu dem mir immer noch Referenten fehlen: Alle Projekte werden Angstgegner, sobald sie „öffentlich“ sind. Spreche ich einen Plan aus, wird er „real“, da anderen bekannt, so ersteht mit den Worten zugleich die Angst.

Und es ist ja nicht nur das „Berufliche“, es sind nicht nur diejenigen Projekte und Aufgaben, an denen die wirtschaftlich-berufliche Zukunft hängt. Auch im privatesten Sektor der eigenen Existenz fühlt sich die Angst pudelwohl: „Ist sie schön, hat sie n' Freund. / Ist er schön? Meistens auch. / Das ist Murphys Gesetz.“ singt Roger Cicero. Zeilen die einschlagen wie ein Blitz. Mit genau diesem Gedanken will ich mich nicht beschäftigen. Nicht alle Hoffnung fahren lassen, bevor der Korb kommt. Aber das Indiz ist schon längst bekannt. Und die leise, aber umso penetrantere Stimme im Kopf schrillt: „Alle tollen Frauen sind vergeben! Vergiss es einfach!“ Der Verstand kämpft, zieht die Logik aus der Reserve und schickt sie zum vergeblichen Sturmangriff: „Nicht jede tolle Frau ist vergeben. Und auch die Vergebenen müssen ja mal solo gewesen sein.“ Doch die Angst ist zäh, nicht unterzukriegen und spottet förmlich nur über die Versuche, sie zu bezwingen.

Mit dem Verstand ist ihr nicht bezukommen. Oder doch? Wenn die Arbeit erst abgegeben ist, das Seminar gelaufen, dann werde ich unumstößliche Beispiele haben, dass ich es kann. Doch bis dahin kann ich nicht daran glauben, ich kann es mir nur logisch herleiten. Der Weg vom Kopf zum Herzen ist der längste. Im Herz sitzt jedoch die Angst, verbarrikadiert und auf argumentative Belagerungen eingerichtet. Und wartet, geduldig, Tag für Tag meiner spottend. Auf Fehler, Scheitern, und vor allem auf den Korb, den zu bekommen ich doch rechne. Meine Freunde können mit aller Ehrlichkeit mir attestieren, dass ich kein hoffnungsloser Fall sei. Aber ich werde es erst glauben, wenn sie mich küsst, wenn ich neben ihr aufwache.

Doch bis dahin bin ich nicht alleine im Bett, meine Angst sitzt neben meinem Ohr und träufelt vor dem Einschlafen ihr Gift hinein und wartet morgens mit einem Grinsen auf mich.

Homo hominis lupus – manche brauchen nicht mal einen anderen Menschen dafür.

Dienstag, 27. Februar 2007

#1 Nachtgedanken

Premiere, Start. Anfang. Einfach mal machen, nicht nur sitzen und denken: Umsetzen, was an Erkenntnis da ist. Ich kann doch nicht sagen, ein Kardinalfehler der Vergangenheit ist, nicht zu erkennen, dass man das, was man nicht hat, sich aber wünscht, sich schaffen kann und muss. Nur wer vor die Tür geht, kann ein draußen erleben. Also nicht verpassen, machen!

Es ist 0:29h und ich wollte eigentlich schon um 21h schlafen. Die Gedanken rasen, die Reflexion und Selbstkritik lassen sich nicht wie ein Fernseher per Knopf auf Stand-By schalten. Was war also heute? Was geht mir so sehr durch den Kopf, dass es mich aus dem Bett wirft? Es ist dieses: Mach doch endlich! Probier es wenigstens. Dieser Tag war schön, anstrengend, aber schön. Wie das ganze Wochenende, an dem ich nur vermisste nicht die Frau an meiner Seite zu haben, mit der ich das teilen kann. Jeder Gang durch mein Elternhaus, durch den alten Stadtteil, diese Straßen, die immer mehr „Heimat“ und immer weniger „Zuhause“sind, lassen in mir Erinnerungen hochkommen. Geschichten, die Teil meiner Geschichte sind. Teile meines Lebens, in denen meine Identität wurzelt. Und diejenige, der ich davon erzählen will, deren Platz in meinem Leben ist leer. Meine beste Freundin ist genauso „unwissend“, doch am Telefon bringe ich nichts davon heraus. Es ist eben nicht dasselbe.

Heute dann der endgültige Trip in Vergangenheiten, deren Entfernung mir nicht klar war. Nach 13 Jahren die alte Turnhalle, ich habe dreimal nachgerechnet. Der Lehrer, der mich so viele Jahre begleitete, dem ich bei einem Kaffee schnell erzählte, was in den letzten paar Jahren so geschehen ist, seitdem ich es anderen überließ, seine Geduld zu testen. Ein paar wenige Jahre noch, dann geht auch er. Und was ist dann noch geblieben außer Namen und Räumen? Ich bin doch noch jung, ich bin nicht in dem „Kennt ihr noch Lehrer XY“-Alter. „Sechs Jahre Abtiur – So schnell kann man so alt aussehen.“ Ein Scherz, sicherlich, aber sich alt fühlen?

Die Straße hinunter liegt die alte Schule des Mädels (Frau, junge Frau, junge Dame, wie sprächest Du von Dir?), die ich anschließend treffe. Eine Zufallsbekanntschaft. Jahrelang in der selben Straße zur Schule gegangen, Abitur gemacht und zum Studium die Heimat verlassen. Und plötzlich in anderem Kontext an ganz anderem Ort getroffen. Endlich klappt auch das Kaffeetrinken „Zuhause“. Man besucht ja nicht jedes Wochenende seine Eltern. Ist es nicht gut, dass sie mich erst jetzt kennenlernte? Oder andersherum gefragt: Hätte sie einen Grund mich zu leiden, läge das Kennenlernen (trotz gemeinsamer Bekannter) tiefer in meiner Vergangenheit? Es ist müßig. Ich hätte mich damals nie getraut sie anzusprechen. Charmant, ja so altbacken es klingt, aber charmant trifft es. Ich hätte früher bei dem Gedanken ein nettes Mädchen, das ich nicht kenne, anzusprechen schon die Flucht ergriffen. Und jetzt schlendern wir durch den Nieselregen, sprechen vom Wieder-Mal-in-der-Heimatstadt, vom Brillentragen und wo wir jetzt hingehen. Und ich erkenne mich kaum wieder. Klar, ich kann entspannt mit jungen, gutaussehenden Frauen umgehen. Aber nur unter Voraussetzungen: Man kennt sich. Wir hier im Regen, wir haben einmal den „rituellen“ Streit um die bessere Schule gehabt, zwei-drei Nachrichten im Internet zur Terminabsprache, das wars. Ein entspannter Kaffee und dann ab zum Zug.

Und dann kommt der Hammer: Kaum sitze ich halbwegs, die altbekannten Lautsprecherdurchsagen ignorierend, kommen die Gedanken: Du hast Dich völlig entspannt fallenlassen in dieses Gespräch, aber bist Du Dir sicher, dass sie es auch unter „nette Begegnung“ verbucht? Warst Du wirklich Du selbst, oder warst Du wieder eine Deiner alten Selbstbewusst-Rollen? Wer bin ich wirklich?

Egal was man tut, wenn man einmal angefangen hat, sich mit der eigenen Identität und den eigenen Mängeln bewusst auseinanderzusetzen, ist die „Überkritik“ nicht weit. Macht man sich die Fehler bewusst, wittert man sie überall und bei wem die kindliche Überheblichkeit der Fehlerfreiheitsphantasie einem überzüchtetem Selbstzweifel, der kann nicht mehr anders. Das Pendel schlägt zur anderen Seite aus, mit aller Macht! Warum sollte sie also einen netten Nachmittag mit mir verbracht haben, wenn ich mir selbst die Fähigkeit abspreche, ein erträglicher Gesellschafter zu sein? Ich denke viel, ich denke zu viel, ich bin ein „Gedanken-Macher“, kein „Denker“. Mehr will ich auch nicht sein. Will ich mehr sein? Wer oder was will ich denn überhaupt sein, außer „glücklich“? Jenseits aller praktikablen, greifbar-„sinnvollen“ und moralisch bewertbaren Ziele wie „ein guter Partner“, „ein liebevoller Vater“, „ein ehrlicher Mensch“ und so weiter, wer will ich sein? Kann man eine Antwort auf diese Frage finden?

Ich will mich mit derselben Vorbehaltlosigkeit akzeptieren und leiden können, mit der ich die Menschen akzeptiere und liebe, die mir wichtig sind.

Es ist hart, sich ehrlich und reflektiert einzugestehen, dass man Fehlerhaft ist, in basalen Zügen des Charakters, in elementaren Facetten der Existenz und Persönlichkeit. Es ist hart und schmerzhaft zu spüren wie das Pendel unbarmherzig einen auf diese Seite reißt um dort zu verharren, an dem Punkt zu erstarren. Doch es ist ein noch steinigerer Weg, zu einem gesunden Mittelmaß zurückzukriechen, sich die Scheuklappen von dem Schädel zu schlagen und zu lernen, positives an sich zu akzeptieren.

Solo zu sein erleichtert es, sich der Selbstreflexion zu widmen. Solo sein heißt aber auch, die nimmermüde Stimme zu ertragen, die Tag und Nacht flüstert: „Warum sollte Dich denn eine mögen? Warum sollte gerade eine tolle Frau sich für so jemand wie Dich entscheiden? Die tollen Frauen sind doch eh alle vergeben... und nicht an Typen wie Dich!“

Es gibt Menschen, die mich nicht anlügen. Warum vertraue ich denen weniger als mir, der ich von mir selbst weiß, dass ich derjenige bin, den ich mit Abstand am meisten belogen habe?