Dienstag, 27. Februar 2007

#1 Nachtgedanken

Premiere, Start. Anfang. Einfach mal machen, nicht nur sitzen und denken: Umsetzen, was an Erkenntnis da ist. Ich kann doch nicht sagen, ein Kardinalfehler der Vergangenheit ist, nicht zu erkennen, dass man das, was man nicht hat, sich aber wünscht, sich schaffen kann und muss. Nur wer vor die Tür geht, kann ein draußen erleben. Also nicht verpassen, machen!

Es ist 0:29h und ich wollte eigentlich schon um 21h schlafen. Die Gedanken rasen, die Reflexion und Selbstkritik lassen sich nicht wie ein Fernseher per Knopf auf Stand-By schalten. Was war also heute? Was geht mir so sehr durch den Kopf, dass es mich aus dem Bett wirft? Es ist dieses: Mach doch endlich! Probier es wenigstens. Dieser Tag war schön, anstrengend, aber schön. Wie das ganze Wochenende, an dem ich nur vermisste nicht die Frau an meiner Seite zu haben, mit der ich das teilen kann. Jeder Gang durch mein Elternhaus, durch den alten Stadtteil, diese Straßen, die immer mehr „Heimat“ und immer weniger „Zuhause“sind, lassen in mir Erinnerungen hochkommen. Geschichten, die Teil meiner Geschichte sind. Teile meines Lebens, in denen meine Identität wurzelt. Und diejenige, der ich davon erzählen will, deren Platz in meinem Leben ist leer. Meine beste Freundin ist genauso „unwissend“, doch am Telefon bringe ich nichts davon heraus. Es ist eben nicht dasselbe.

Heute dann der endgültige Trip in Vergangenheiten, deren Entfernung mir nicht klar war. Nach 13 Jahren die alte Turnhalle, ich habe dreimal nachgerechnet. Der Lehrer, der mich so viele Jahre begleitete, dem ich bei einem Kaffee schnell erzählte, was in den letzten paar Jahren so geschehen ist, seitdem ich es anderen überließ, seine Geduld zu testen. Ein paar wenige Jahre noch, dann geht auch er. Und was ist dann noch geblieben außer Namen und Räumen? Ich bin doch noch jung, ich bin nicht in dem „Kennt ihr noch Lehrer XY“-Alter. „Sechs Jahre Abtiur – So schnell kann man so alt aussehen.“ Ein Scherz, sicherlich, aber sich alt fühlen?

Die Straße hinunter liegt die alte Schule des Mädels (Frau, junge Frau, junge Dame, wie sprächest Du von Dir?), die ich anschließend treffe. Eine Zufallsbekanntschaft. Jahrelang in der selben Straße zur Schule gegangen, Abitur gemacht und zum Studium die Heimat verlassen. Und plötzlich in anderem Kontext an ganz anderem Ort getroffen. Endlich klappt auch das Kaffeetrinken „Zuhause“. Man besucht ja nicht jedes Wochenende seine Eltern. Ist es nicht gut, dass sie mich erst jetzt kennenlernte? Oder andersherum gefragt: Hätte sie einen Grund mich zu leiden, läge das Kennenlernen (trotz gemeinsamer Bekannter) tiefer in meiner Vergangenheit? Es ist müßig. Ich hätte mich damals nie getraut sie anzusprechen. Charmant, ja so altbacken es klingt, aber charmant trifft es. Ich hätte früher bei dem Gedanken ein nettes Mädchen, das ich nicht kenne, anzusprechen schon die Flucht ergriffen. Und jetzt schlendern wir durch den Nieselregen, sprechen vom Wieder-Mal-in-der-Heimatstadt, vom Brillentragen und wo wir jetzt hingehen. Und ich erkenne mich kaum wieder. Klar, ich kann entspannt mit jungen, gutaussehenden Frauen umgehen. Aber nur unter Voraussetzungen: Man kennt sich. Wir hier im Regen, wir haben einmal den „rituellen“ Streit um die bessere Schule gehabt, zwei-drei Nachrichten im Internet zur Terminabsprache, das wars. Ein entspannter Kaffee und dann ab zum Zug.

Und dann kommt der Hammer: Kaum sitze ich halbwegs, die altbekannten Lautsprecherdurchsagen ignorierend, kommen die Gedanken: Du hast Dich völlig entspannt fallenlassen in dieses Gespräch, aber bist Du Dir sicher, dass sie es auch unter „nette Begegnung“ verbucht? Warst Du wirklich Du selbst, oder warst Du wieder eine Deiner alten Selbstbewusst-Rollen? Wer bin ich wirklich?

Egal was man tut, wenn man einmal angefangen hat, sich mit der eigenen Identität und den eigenen Mängeln bewusst auseinanderzusetzen, ist die „Überkritik“ nicht weit. Macht man sich die Fehler bewusst, wittert man sie überall und bei wem die kindliche Überheblichkeit der Fehlerfreiheitsphantasie einem überzüchtetem Selbstzweifel, der kann nicht mehr anders. Das Pendel schlägt zur anderen Seite aus, mit aller Macht! Warum sollte sie also einen netten Nachmittag mit mir verbracht haben, wenn ich mir selbst die Fähigkeit abspreche, ein erträglicher Gesellschafter zu sein? Ich denke viel, ich denke zu viel, ich bin ein „Gedanken-Macher“, kein „Denker“. Mehr will ich auch nicht sein. Will ich mehr sein? Wer oder was will ich denn überhaupt sein, außer „glücklich“? Jenseits aller praktikablen, greifbar-„sinnvollen“ und moralisch bewertbaren Ziele wie „ein guter Partner“, „ein liebevoller Vater“, „ein ehrlicher Mensch“ und so weiter, wer will ich sein? Kann man eine Antwort auf diese Frage finden?

Ich will mich mit derselben Vorbehaltlosigkeit akzeptieren und leiden können, mit der ich die Menschen akzeptiere und liebe, die mir wichtig sind.

Es ist hart, sich ehrlich und reflektiert einzugestehen, dass man Fehlerhaft ist, in basalen Zügen des Charakters, in elementaren Facetten der Existenz und Persönlichkeit. Es ist hart und schmerzhaft zu spüren wie das Pendel unbarmherzig einen auf diese Seite reißt um dort zu verharren, an dem Punkt zu erstarren. Doch es ist ein noch steinigerer Weg, zu einem gesunden Mittelmaß zurückzukriechen, sich die Scheuklappen von dem Schädel zu schlagen und zu lernen, positives an sich zu akzeptieren.

Solo zu sein erleichtert es, sich der Selbstreflexion zu widmen. Solo sein heißt aber auch, die nimmermüde Stimme zu ertragen, die Tag und Nacht flüstert: „Warum sollte Dich denn eine mögen? Warum sollte gerade eine tolle Frau sich für so jemand wie Dich entscheiden? Die tollen Frauen sind doch eh alle vergeben... und nicht an Typen wie Dich!“

Es gibt Menschen, die mich nicht anlügen. Warum vertraue ich denen weniger als mir, der ich von mir selbst weiß, dass ich derjenige bin, den ich mit Abstand am meisten belogen habe?