Sonntag, 23. September 2007

#29 - Nachtgedanken V

Seit Jahren habe ich keinen Urbock mehr getrunken. Vor allem noch nie Ende September. Und nun ist die Feier vorbei und ich sitze hier im Gästezimmer, sehe über den strahlenden Laptopbildschirm hinweg aus dem Fenster auf die Land-/Bundes-/was-auch-immer-Durchgangsstraße, und sehe dem gelegentlichen Verkehr zu. Eigentlich bin ich bettschwer genug um sofort in die Falle zu sinken. Doch irgendwas reizt mich an dem Gedanken, trotzdem noch was wach zu bleiben und zu schreiben.

Wenn ich das Kinn in die Hand stütze, rieche ich noch das Feuer des Grills. Ein milder Septemberabend, an dem wir spontan noch die Tische aus dem Haus in den Garten trugen, es warm genug war, um draußen zu sitzen. Auf dem Rechner läuft Polarkreis 18. Diese Band wird für mich wohl für immer mit dem September 2007 verbunden sein. Ich liebe es, endlich wieder diese Fixierung auf Musik ausleben zu können, die emotionalen Ressourcen dafür wieder zu haben, mich tief in Musik versenken zu können, die Musik zu finden, die meine emotionale Grundtendenz einfängt und widerspiegelt, und in diesem Moment in der passenden Musik aufzugehen. Knappe zwei Jahre habe ich auf dieses Gefühl, diese Erfahrung, diese Art zu Leben verzichten müssen. Seitdem mir klar ist, dass ich es wieder kann, koste ich es aus.

Diese seltsame Mischung aus Glück, Melancholie, Müdigkeit und Sorglosigkeit-trotz-aller-Zukunftsangst ist Wahnsinn. Ich glaube, es braucht Musikformen wie Indietronic, um es fassen und beschreiben zu können.

Wenn mich wer fragte, ich antwortete sofort, dass ich Glück empfinde, auch wenn meine Situation nicht glücklich ist. Ich vergesse nicht, dass mir manches zu dem Zustand fehlt, den ich als wahrhaft glückliches Leben verstehe. Doch ich empfinde trotzdem Glück, für jetzt und diesen Moment.

Und in dem Wissen, dass ich es morgen anders sehen werde. Morgen fahre ich nach Hause, in die Stadt in der meine Universität steht, in der meine Arbeit auf mich wartet, in der ein völlig leerer Wohnheimflur darauf wartet, dass wenigstens ich ihm Leben einhauche. In die Stadt, in der ich lebe, arbeite, feiere und auch liebte, wenn es sich denn mal ergäbe. Zweieinhalb Tage „Kurzurlaub“ sind dann vorbei, und auch wenn das Wochenende anfängt, wird zu hause gearbeitet werden müssen.

Doch all dieses berührt mich auf emotionaler Ebene nicht. Es ist mein Verstand, der sich noch damit befassen mag. Doch mein Herz spricht: „Vertagt! Nicht heute mag ich mich sorgen, das kann der Verstand alleine schon genug. Ich will mich auch nicht damit plagen, was mir fehlt. Das kann ich morgen noch zur Genüge. Doch jetzt empfinde ich Glück, wenn auch nur unvollständiges, aber Glück!“

Ich will auf mein Herz hören, diese Nacht genießen, indem ich meinen Verstand bis morgen vertage. Bis ich morgen früh erwache, sollen alle Sorgen sich von mir fern halten!

Als ich das letzte Mal hier war, hatte ich mein Herz – wenn auch kurzzeitig – unglücklich verloren. Dieses Mal bin ich von solchen Regungen verschont. Auch wenn ich das „Drum will ich auch immer den Sorge entsagen“ des alten Studentenlieds nicht aus vollen Herzen mitsprechen kann, so genieße ich jeden einzelnen Ausflug. Ausflüge von allen Sorgen, in denen ich doch nie vergesse, dass ich Sorgen habe. So scheint mir sicher, dass ich nicht der Gefahr nachgebe, diese Ausflüge auf Dauer auszudehnen. Nein. Ich kenne mein Risiko dahingehend. Ich nehme mir die Auszeit und nehme auch den Kater bewusst in Kauf, der mich anderntags in die Realität zurückreißt. Meine Sorgen und Nöte liegen in der Realität und auch nur dort sind sie zu lösen.

Doch das ist eine Aufgabe für andere Tage. Heute nacht werde ich schlafen, gut, tief und fest.

Und sorgenfrei!

Donnerstag, 13. September 2007

#28 – Bei der Arbeit II

Jahaaa, so kann man arbeiten. Leckerer Kaffee auf dem Tisch, ein wenig Literatur für die Uni vor dem Laptop (die man dann doch nicht liest) und am anderen Schreibtisch der Fachmann, der einem bereitwillig (?) alle Änderungen umsetzt die man haben mag. So macht mir der Einstieg in die Welt des Homepage-Betreibens Spaß. Nichts können müssen außer ein paar Texte zu schreiben und zu artikulieren, was man wie haben will. Dazu gute Musik und ein paar Hefte guter Comics neben dem Laptop (die mehr Aufmerksamkeit erlangen als die wissenschaftliche Literatur). Und dann noch lauter charmante Damen bei Skype ;-)

Welch Arbeitsklima

Freitag, 7. September 2007

# 27 – Nachtgedanken IV

Dieses Jahr ist es wohl die deutschsprachige Musik, in der ich meine Stimmung, mein Lebensgefühl von Wochen und Monaten ausgedrückt finde. Waren es erst Tomte, die mit „Buchstaben über der Stadt“ mich fast zum Heulen brachten, mir die Worte gaben, Glück hinauszuschreien und Sehnsucht zu sprechen, so wurden es dann Muff Potter. Nach dem Konzert in Bielefeld war ich „bekehrt“ und erging mich im Angry-Pop der neueren Alben. „Mit ner Flasche Absolut / sitze ich im Fotoautomat / Das ist lustig und Traurig / genauso, wie ich's mag“ wurde vom „Are you ready, steady Fremdkörper go!“ abgelöst. „Und jeder sucht einen Platz, / wo er hingehört. / Und jeder sucht einen Platz, / wo er nicht stört!“: So ein simpler Reim, und doch voller Erkenntnis – für mich zumindest. Hin- und hergerissen zwischen „Hier gehöre ich hin“ und „Habe ich einen Platz, wo ich hingehöre?“ Hatte ich diesen Sommer vielleicht etwas zu viel Zeit zum Denken. Vielleicht war es jedoch auch die neue, ungewohnte Umgebung – räumlich und personell – die mir neue Anstöße gab. Und nun sind es alte Alben von Fettes Brot, die mir neu sind und mich daher reizen, provozieren. Vorhin beim Sport merkte ich, dass ich viel zu sehr nach „Meh' Bier“ gelebt habe“. Weiter ging es mit „Könnten Sie mich kurz küssen?“, mit nettem Beat in die unschöneren Bereiche von Emotion. Und nun hat mich das Motiv von „Raptus Melancholicus“ erwischt, gepackt, in seinen Klauen. Diese Stimmung ist wie aus meinem Herzen gelesen. Alle Fassade, die ich mir und der Welt aufgebaut habe, bei Seite geschoben, und so blicke ich wieder ungeschminkt auf die Punkte, die mich vom großen Glück, großer Zufriedenheit mit mir und meinem Leben trennen. Nicht, dass ich mich (und den Rest der Welt) belügen würde, die positiven Aspekte, die ich rauskehre, sind wahr. Aber wenn man die Punkte der Unzufriedenheit ausblendet, werden sie eben zur Fassade...

Der Herbst kommt, im Wetter, in der Gesundheit, auf dem Herd und eben auch im Herzen...

#26 – Skizze V

[Nachtrag aus der zweiten Julihälfte]

Viertel vor sechs morgens. Gerade nach Hause gekommen, schalte ich den Rechner an. Es ist schon jenseits der Morgendämmerung gewesen, als wir aus dem Club kamen. Es war jenseits der Nacht, als wir dort hinein gingen. Während die Textverarbeitung lädt, koche ich Kaffee. Bei dem Licht lohnt es sich nicht, ins Bett zu gehen. Ich will diesen Sommermorgen genießen. Ich werde Kaffee trinken, auf meine Zeitung warten, heiß duschen, die Zeitung lesen und sehen, ob von meinen Mitbewohnern irgendwer aufwacht, bevor ich wieder das Haus verlasse.

Mein Hemd ist so nass vom Tanzen, als hätte ich es aus einem See gezogen. Die Musik war nicht gut in dem Club, aber darum ging es mir sicher nicht. Ich bin dem Abend, der Nacht und dem Morgen einfach gefolgt, ohne irgendwas in Frage zu stellen. Spät in die Kneipe, spät in den Club, früh zu Hause den ersten Kaffee.

Es ist still, sehr still. Obwohl ich mich vorhin wunderte, wie viele Autos schon zwischen halb sechs und sechs unterwegs sind. Ich mache jetzt keine Musik an, die den Zauber des Morgens zerstören könnte. Ich habe grundlos Moby's „One of these mornings“ im Ohr.

Der Kaffee verbrennt meinen Gaumen. Meine Motorik und die langsam einsetzende Müdigkeit und meine Motorik lassen mich bewusst werden, dass ich seit 22 Stunden wach bin, und die Nacht davor auch nur vier Stunden schlief.

Der warme Kaffee macht nur träge. Der Wecker wird gestellt. Ich werde „*Power-nappen“. Eine halbe Stunde Schlaf sollte mir wohl doch die Grenzen meiner Leistung wieder geben...

Gute Nacht