Mittwoch, 27. Juni 2007
#20 - Unterwegs VIII
#19 – Unterwegs VII
Das ist der Inbegriff von Nebenstrecke: Mannheim – Heilbronn. Nicht elektrifiziert, alte Nahverkehrswagen, die seit Jahren ausgeschlachtet oder in den Osten verkauft dachte. Kleine Orte mit Bahnhöfen auf denen man offiziell über die Gleise von einem Bahnsteig zum anderen geleitet wird. Und das Ganze in einem Zustand, der mit kurz-vor-Trance getroffen ist. Mehrere Wochen Schlafmangel, eine sorgsam gezüchtete psychische Kaffee-Sucht als Basis. Eine Nacht, in der Alkohol einen guten Teil des Schlafes ersetzte und seit gestern Nachmittag keinen Kaffee mehr.
Draußen formen – fast schon künstlich wirkend – kettenweise runde Hügel die Landschaft, überzogen von kleinen, bunten Feldern. Hecken und wieder Waldstücke geben andere Nuancen dazu. Direkt über uns steht eine zerrupfte Regenwolke, die sich gemächlich erleichtert. Über dem geschwungenen Horizont strahlt der Himmel in traumhaften Blau mit kitschpostkartigen Wolken.
Ja, es ist schon eine nette, liebliche Gegend. Was ist das hier eigentlich? Baden? Württemberg? Grenzland? Bindestrich? Ich mag es, Landschaften, die ich durchreist habe, ein Etikett aufkleben zu können. Es sieht nett aus hier, sanft und beschaulich, aber bleiben wollte ich nicht.
Immer wieder nicke ich kurz ein, vom wilden Rütteln des Zuges am Schlaf gehindert. Die Augen halb offen, halb zu kommen kurze Wachträume. Die Musik im Ohr schottet mich ab. Erinnerungsfetzen mischen sich in meine Wahrnehmung und ich muss die Augen aufmachen und den Kopf drehn, um mir klar zu werden, dass ich allein bin. Das Lachen und die Gesichter meiner Freunde kommen aus der letzten Nacht, der Schweiß vom Fehlen einer Klimaanlage. Um die Fahrt zu genießen bin ich zu müde und der Horizont zu nah hinter dem Fenster.
Ein richtiger Bahnhof, mit Strom, Lautsprecher und einem Gebäude. Welcher Fluss es auch gerade war, dessen schlammigbraune Fluten wir gerade auf einer hohen Brücke querten, hinter ihm öffnete sich wieder der Horizont, die Wolkendecke tut es ihm nach und das wüste Ruckeln scheint weniger zu werden. Die vertraute Szenerie von Bundesstraßen, Industriegeländen kehrt an den Rand des Bahndammes zurück. Nein, schön ist es nicht, aber obwohl ich hier noch nie war, es ist ein vertrauteres Bild. Diese Strecke zwischen Heidelberg und Neckarsulm ist schon eine faszinierende Auszeit, ein interessanter Kontrast zur ICE-Schnellfahrstrecke über Siegburg/Bonn. Allein dieses wechseln vom neuen, stylischen, komfortabel-eleganten ICE 3 auf diese altertümlichen kleinen Bahnen, die mehr zuckeln, denn fahren. Bahnfahren ist Abenteuer, wenn man es nur als solches erkennt.
Mittwoch, 13. Juni 2007
#18 – Unterwegs VI
Bin ich auf Reisen, gehen meine Gedanken stets auch auf selbige. Und nur zu oft, wandern sie völlig autonom, selbstbestimmt und unkontrollierbar dorthin, wo ich sie nicht haben will. Wir gleiten durch die sanft geschwungene Weite Ostniedersachsens. Unter strahlend blauem Himmel üppige Farben geradezu eine Orgie von Grüntönen, die die Felder und Wiesen von Leben und Kraft strotzen lassen. Vor einigen, wenigen Wochen wäre dies für mich ein erhebender Anblick gewesen. Anlass zur Freude, zu fast alberner Lebensfreude und Lebenslust.
Doch Niederlagen kommt der Zweifel, der miese Beigeschmack, den man lange nicht loswird, dieser kleine, fiese Parasit, der sich in meinem Kopf festgesetzt hat und sein Gift in mein Denken träufelt. Manchmal hilft dann nur Betäubung. Müdigkeit und die richtige Musik packen mich zwar nicht so in Watte und federn das Elend ab, wie die paar Bier gestern Abend. Doch in meinem Ohr brüllt Kai Wingenfelder „It's all right now, all right now...“ und er reißt mich mit. Am liebsten spränge ich mitten im Großraumwagen (als wenn es noch ernsthaft Abteile gäbe) auf und schrie die Zeilen mit. Besser als mit Blixa Bargeld „Fütter mein Ego“ zu krakeelen. Ungeduld ist mein zweiter Vorname. Kopf hoch und weitermachen fällt mir immer leichter, wenn ich weiß, wann die Durststrecke überwunden sein mag. Ich hoffe, es dauert nicht all zu lang, bis ich in Thees Uhlmanns „Bei mir ist heile Haut, wo eine Wunde war“ einstimmen kann... Solange halte ich mich an The Devlins: „Waiting“.
#17 – Unterwegs V
Sehe aus dem Zugfenster. Diese Stadt, dieser Bahnhof: Wohlvertraut, die Stadt meiner Kindheit, der Bahnhof des „Am Wochenende zu den Eltern Fahrens“ der ersten Semester. Wohlvertraut und dennoch immer fremder werdend. Das ist der Lauf der Dinge und ich bin nicht sentimental. Ich merke nur die Leerstelle, die der Fortzug aufgerissen oder offengelassen hat: Wo ist meine Heimat? Diese Stadt, in der ich die ersten 19 Jahre lebte, habe ich nie ganz kennengelernt, Stubenhocker, der ich war. Die Grenze des Vertrauten rückt immer näher an mein Elternhaus heran. Es sind nur noch wenige Straßen übrig, der Rest ist entfremdet. Aber auch die neue Stadt, in der ich seit nunmehr 5 Jahren lebe, studiere, feiere, spazierengehe, mich freue und verzweifle ist mir nur ein Zuhause. Es kann auch nicht mehr sein. Es fehlt das tiefe Netz von Verbundenheit und Kontakten, welches meine Freunde nicht sein können, sind sie doch selbst „neu“ und nicht alteingesessen. Kann ich überhaupt schon „Heimat“ haben? Kann ich überhaupt mehr als nur „Zuhause“ haben?
Mittwoch, 6. Juni 2007
#16 – Skizze II
Man kann zu einem Gipfel wie dem in Heiligendamm stehen, wie man will. Ebenso zu dem Thema desselben. Doch anlässlich des dortigen Geschehens, speziell den Umständen, welche die Bekanntheit des Terminus „Schwarzer Block“ massiv steigerten, sollte man sich die Zeit nehmen, einmal gewisse Grundhaltungen und Verhaltensmuster mit Konsequenz weiterzudenken:
Nicht nur in Rostock, beispielsweise auch im Rahmen von Demonstrationen gegen Studiengebühren, werden vor Beginn Verhaltensmaßregeln ausgegeben, für den Fall der Eskalation. Frage: Ist dies nicht ein implizites Eingeständnis eigener Gewaltbereitschaft? Ein Eingeständnis, welches ja als Veranstalter nicht offen ausgesprochen werden darf, um die Veranstaltung durchführen zu können? Oder zumindest ein Zeichen, die Gewaltbereiten unter den Anwesenden weder ausschließen noch kontrollieren zu können oder zu wollen?
Egal, wie diese Fragen zu beantworten sind, was damit einhergeht, ist der Aufbau eines Feindbildes „Polizei“, und hier wird es bedenklich. Natürlich befriedigt es ein Gefühl des „Dagegen-Seins“, des „Aufrührertums“ (und vielleicht auch einen „Ich war 1968 noch nicht geboren“-Komplex). Es schafft eine wundervoll einfache Dichotomie von Gut und Böse. Man gibt den Menschen in ihrer Wut ein direktes Gegenüber, denn sie werden ja weder des US-Präsidenten noch der Universitätsrektorin habhaft, der Polizist ist jedoch ein klares Gegenüber, physisch erreichbar.
Die Schaffung dieses „Feindbildes Polizei“ hat zwei massive Konsequenzen.
Zum Einen: Wenn die Polizei notwendig ist, um sowohl Akteure des Protestanlasses (Politiker etc.) in ihren Grundrechten wie der körperlichen Unversehrtheit, als auch das Eigentum unbeteiligter Dritter (z.B. PKWs von Anwohnern) zu schützen, so ist es ein Indiz dafür, dass der Gewaltbereite diese Grundrechte nicht zu achten bereit ist, also (gerne im Namen der Gerechtigkeit) den direkten Bruch von Grundrechten in Kauf nimmt oder plant, es sind ja nicht seine!
Doch nicht nur gegenüber einzelnen Mitmenschen wird der Gewalttätige schuldig (und die massive moralische Schuld soll hier nicht mal thematisiert werden). Auf der anderen Seite wird auch das Kollektiv aktiv beschädigt. Wer die Polizei zum Feind erklärt, der tut es, weil er sie als Instrument des Staates (die sie ja ist) zu seinem Feind erklärt. Wer aber die Polizei als ausführendes Organ des Staates zu seinem Feind erklärt, der erklärt den Staat zu seinem Feind. Ein Feind, der in der Polizei greifbar wird. Wer dies tut, der sieht auch keine Probleme darin, Staatseigentum gegen diesen zu verwenden, in dem er beispielsweise Pflastersteine aus der Straße reißt und wirft. Das hat alles eine innere Logik, die nicht beanstandbar ist. Der Staat ist der Feind, alles was des Staates ist, ist schlecht, böse und zu bekämpfen.
Wir leben jedoch in einer Demokratie: Alle Macht geht vom Volke aus! Der Staat sind wir alle, das ganze Kollektiv der Staatsbürger. Und wenn es allein darum geht, dass dem Staat Kosten verursacht werden, so umfasst das Kollektiv alle hier lebenden Menschen, denn jeder ist Steuerzahler.
Wer also dem Staat Schaden zufügt, fügt den Einwohnern dieses Landes Schaden zu.
Wer den Staat zu seinem Feind erklärt, erklärt sich zum Feind des Staates.
Wer Feind des Staates ist, ist Feind der Gesellschaft.
Wer Feind der Gesellschaft ist, ist im wahrsten Wortsinne asozial.
Ist den Menschen, die anlässlich einer gerechten Sache kämpfen und nicht streng darauf bedacht sind, Gewaltfreiheit und Legitimität zu wahren, bewußt, was sie tun oder zu tun bereit sind? Ich denke in den seltensten Fällen. Wir leben in einer Gesellschaft, die das entpersonalisierte, entmenschlichte Feindbild des antlitzlosen Staates gerne verwendet (und im Falle mancher Medien auch gerne mal schürt), um den „Abzocker-Staat“ und „die da oben“ zu geißeln, und auch um ohne Gewissensbisse fremdes Eigentum zu beschädigen. Wir leben in einer Gesellschaft der Egomanie, der weitgehend das Bewusstsein fehlt, Teil des ganzen zu sein. Verursache ich dem Staat schaden, so erhöhe ich nur meine Steuerlast, und „die da oben“ sind durch freie, geheime und gleiche Wahlen legitimiert. Wer nicht wählt, darf sich nicht beschweren.
Doch wer statt des sachlichen, friedlichen Protestes die Gewalt wählt und sucht, der diskreditiert nicht nur das Anliegen aller Demonstranten, sondern schließt sich selbst aus der Gesellschaft aus, statt sie zu verändern. Denn Gewalt erzeugt Gegengewalt. Und man kann sich den Polizeistaat auch selbst herbeiprügeln. Wir leben nicht in einer der innerasiatischen Despotien, oder anderen Unrechtsregimen. Die Polizei schützt die Regeln, die wir uns selbst gegeben haben. Nach dem vergangenen Wochenende scheint die Erkenntnis zu wachsen, dass Randale nicht der Mehrheit dienlich sind. Dieses Land bewahren und zum besseren wenden können wir nur, in dem wir unsere Meinung sagen, an der Wahlurne und auf der Straße, aber ohne Gewalt.
Dienstag, 5. Juni 2007
#15 – Einwurf V
Disziplin und Geduld
sind nicht meine Stärken.
Kann ich von Dir direkte
Ehrlichkeit erwarten?