Sonntag, 11. März 2007

#5 Unterwegs

Unterwegs im Zug. Die Rheinschiene hinab durch eine Landschaft, die ich nur flüchtigst kenne. Was ich aber kenne ist der Mythos des mittleren Rheins, des alten Vater Rhein, der zwischen Mainz und mit seinen Weinbergen und Burgruinen dahinfließt. Ein einziger Zeuge und Nachhall dessen, was von der Romantik an über das Land hiaus zum Mythos gerann. Der alte Vater Rhein, der Bingener Mäuseturm, die Loreley und das Siebengebirge. Für Generationen nicht nur Orte oder bloße Namen, sondern Kulminationspunkte eines romantischen Patriotismus. Meiner Generation allerhöchstens eine Chiffre, Schlagworte, Relikte einer Vergangenheit, Denkmäler der Vergänglichkeit propagierter Ewigkeit. Panta rhei! So wie der ewige Rhein zum Meer fließt, so verfließt die Zeit. Und wie der Fluss Kies und Sand vom Berg zur See spült, so trägt die Zeit bröckchenweise den Mythos vergessener Vorväter davon.

Die Hügelketten weiten sich und durch die Kölner Bucht scheint die tiefe Sonne des Märznachmittags. Die Besinnlichkeit wurde ebenfalls davongespült von den Menschen, die ab Bonn die leeren Sitze füllen. Gesprächsfetzen, Geräusche, nicht mehr allein das Rascheln zweier Leser, die gründlich, gemächlich und daher geräuscharm ihre Wochenzeitung studieren. Die passenderweise „Zeit“ heißt, und träge wie der Rhein zwischen den Fingern und unter den Augen der Leser verrinnt.

Kommt man von Süden, so weichen die Berge mit den Burgruinen (und dem Nachhall ihrer zweiten Blütezeit der romantischen Verklärung) zurück, um den Landmarken, Denkmälern, Zeichen einer postromantischen Zeit Raum zu geben. Die Menschensilos und Fabrikschlote: Diese in Beton gegossene und geronnene Frage, ob künfige Generationen in der Lage sein werden, diese romantisch zu verklären, zu verkitschen. Doch im Gegensatz zur gelegentlichen Burgruine oberhalb eines Winzerdorfes am Flussufer, können die Wohn- und Bürotürme nicht gelinde und geflissentlich übersehen werden. Aber in der Post-Postmoderne gibt es auch den Rückbau solcher Strukturen, den systematischen Abriss, welcher den allmählichen Verfall des Verlassenen in zeitlicher Dimension zusammenschnurren lässt.

Spontan kommt die Diskussion um den Hochhausneubau am Rheinufer, die „Todesdrohung“ gegenüber dem UNESCO-Schutz des Kölner Doms. Kommt man von Bonn im Zug, sieht man den Dom doch erst auf den letzten Metern. Ist die UNESCO-Kommission hier mal Zug gefahren?

Mein Verhältnis zu diesem Bau ist (und bleibt?) massiv subjektiv gefärbt. Wie der Mittelrhein von der (National-)Romantik mythologisch aufgeladen, war er für mich nur kalt, finster und voller Touristen. Der Mythos wie das Gewölbe: überzüchtet und hochgejazzt. Auf Neudeutsch: Derart gehyped, dass mir nur ein schaler Geschmack milder Enttäuschung und Gleichgültigkeit bleibt.

Ab Köln wieder Stille. Dies ist seit Jahren meine zweite (Hinfahrt eingerechnet: erste) Zugfahrt ohne Musik im Kopfhörer. Und schon Freitag war ich erstaunt, um wieviel erträglicher es ist, als meine Erinnerung vorgaukelte. Ich will ja keine Bibliotheksruhe im Zug. Ich freue mich, wie Eltern mit ihren Kindern spielen oder ihnen vorlesen, zufällige Menschenkonstellationen interessante Gespräche führen. Diese Momente, in denen die Anonymität unserer Gesellschaft durchbrochen wird, sind wertvoll. Aber die wichtige Toleranz gegenüber untröstlich weinenden Säuglingen, streitenden Kindern und betrunkenen Kegeldamen respektive Fußballfans fällt mir leichter, kann ich mich per Ohrstöpsel oder Kopfhörer ausklinken. Hat man die Muße zu sinnieren, sind Gesprächsfetzen anregend. Muss aber gearbeitet werden, so erleidet die Konzentration Folter.

Wir eilen Düsseldorf entgegen und die Sonne touchiert den Horizont. Die Ebene ist von Starkstrom-Überlandleitungen verhangen. Der strahlend blaue Himmel verspricht eine kalte Nacht, der Zugchef hingegen verspricht nur noch die aktuelle Verspätung, wartende Anschlusszüge nicht mehr.

Nach dem turbulenten Wochenende lacht am Ziel der janusköpfige Abend. Ruhe, aber allein. Und wieder kommen die leisen Fragen, wie sie jeden Abend aus ihren Löchern gekrochen kommen: Was ist, wonach Du Dich sehnst? Ist es jene Frau, oder ist es das, was sie für Dich verkörpert? Verkörpert sie es überhaupt, oder projiziere ich dieses alles nur auf sie? Solange ich sie nicht näher kenne als Name, Gesicht und Klang ihrer Stimme – dieses charmante Lachen – werde ich nicht erfahren, ob ich sie als Person oder als Projektionsfläche begehre.

Doch heute eilt es mir mit dieser Frage nicht. Ich weiß, dass ich dieses Begehren verspüre und das Verlangen in der Einsamkeit der eigenen vier Zimmerwände stärker werden wird. Die morgige Arbeit wirft ihren Schatten voraus, doch es kümmert mich nicht.

Nachricht: „Dieses Herz ist für Sorgen und Ängste vorübergehend nicht erreichbar. Bitte versuchen Sie es morgen noch einmal.“

#4 Einwurf

Jeder Mensch strebt nach Anerkennung – unbewusst oder bewusst. Aber nicht jeder Mensch strebt nach Lob. Andere kennen nur diese Form und sind ihr verfallen.

Mittwoch, 7. März 2007

#3 – Glück?

Was ist Glück? Diese Frage ist sicherlich einerseits eine Frage, die nach Abstraktion, nach Analyse und einer allumfassenden, letztgültigen Antwort verlangt. Die Frage nach dem Glück ist janusköpfig, denn sie kann genauso situativ beantwortet werden.

Die akute, situative Antwort auf die Frage nach dem Glück erhebt jedoch auch keinerlei Anspruch darauf allumfassend und/oder letztgültig zu sein. Es ist das Glück selbst, welches in zwiefacher Gestalt uns begegnet. Zum Einen als logisch-rationale Größe, abstrahier-, begründ- und verhandelbar. Zum Anderen als die reine, akute Emotion. So sehr man darüber sinniert, was „Glück“ ausmachen mag; die Empfindung „Glück“ ist unkontrollierbar, argumentativ nur begrenzt greifbar, sie ist situativ bedingt. Das Glücksempfinden ist einfach da. Es fragt nicht bewusst nach langfristigen Lebensentwürfen, es fragt nicht nach Perspektiven, Weltanschauungen, Plänen: Wenn man Glück empfindet, dann passiert es einfach, unabhängig davon, ob der rational erstellte Plan vom eigenen Leben für diesen Moment „Glück“ (als Emotion, nicht als abstrakten Wert) umfasst. Ob es der alte Freund ist, mit dem man über ein paar Flaschen Wein ein wundervolles Gespräch über die „wirklich wichtigen Dinge“ führt; oder ist's die phänomenale Frau, die nach einigen kurzen, netten Gesprächen einen noch immer zu mögen scheint. Oder ist es nur das passende Lied, das einem in der passenden Stimmung begegnet.

All dies sind Momente wahren Glückes, die keinem Lebensentwurf gehorchen, die einfach entstehen, geschehen. Die harte Droge „Glück“ ist rein emotional erfahrbar, kann jedoch nicht erzwungen werden. Und jeder Moment des Glücks ist doch wertvoller als alle Momente des „Du solltest (logischerweise) glücklich sein“. Und das Glücksempfinden, wirkt wie andere Drogen auch. Beginnt man nach einer langen „Entzugsphase“, einer emotionalen Kaltzeit, plötzlich wieder Glück zu spüren, so haut es einen nur um so mehr um. Gilt nur noch zu klären, ob es beim Glücksempfinden einen „Goldenen Schuss“ gibt.


Samstag, 3. März 2007

#2 – Ängste

„Ich leide an Versagensangst, / besonders, wenn ich dichte. / Die Angst, die machte mir bereits / manch' schönen Reim zuschanden.“ Unter dem Titel „Bekenntnis“ schrieb dies Robert Gernhardt. Ich wünschte, ich könnte ebenso locker-ironisch mit selbiger Empfindung umgehen. Was auch immer ich tue, ich habe Angst. Mal mehr, mal weniger; mal bewusst, mal sublim. Aber die Versagensangst steht morgens mit mir auf, und kommt abends mit ins Bett. Sei es die Seminararbeit, die ich mir einfach nicht zutraue, oder das Seminar, zu dem mir immer noch Referenten fehlen: Alle Projekte werden Angstgegner, sobald sie „öffentlich“ sind. Spreche ich einen Plan aus, wird er „real“, da anderen bekannt, so ersteht mit den Worten zugleich die Angst.

Und es ist ja nicht nur das „Berufliche“, es sind nicht nur diejenigen Projekte und Aufgaben, an denen die wirtschaftlich-berufliche Zukunft hängt. Auch im privatesten Sektor der eigenen Existenz fühlt sich die Angst pudelwohl: „Ist sie schön, hat sie n' Freund. / Ist er schön? Meistens auch. / Das ist Murphys Gesetz.“ singt Roger Cicero. Zeilen die einschlagen wie ein Blitz. Mit genau diesem Gedanken will ich mich nicht beschäftigen. Nicht alle Hoffnung fahren lassen, bevor der Korb kommt. Aber das Indiz ist schon längst bekannt. Und die leise, aber umso penetrantere Stimme im Kopf schrillt: „Alle tollen Frauen sind vergeben! Vergiss es einfach!“ Der Verstand kämpft, zieht die Logik aus der Reserve und schickt sie zum vergeblichen Sturmangriff: „Nicht jede tolle Frau ist vergeben. Und auch die Vergebenen müssen ja mal solo gewesen sein.“ Doch die Angst ist zäh, nicht unterzukriegen und spottet förmlich nur über die Versuche, sie zu bezwingen.

Mit dem Verstand ist ihr nicht bezukommen. Oder doch? Wenn die Arbeit erst abgegeben ist, das Seminar gelaufen, dann werde ich unumstößliche Beispiele haben, dass ich es kann. Doch bis dahin kann ich nicht daran glauben, ich kann es mir nur logisch herleiten. Der Weg vom Kopf zum Herzen ist der längste. Im Herz sitzt jedoch die Angst, verbarrikadiert und auf argumentative Belagerungen eingerichtet. Und wartet, geduldig, Tag für Tag meiner spottend. Auf Fehler, Scheitern, und vor allem auf den Korb, den zu bekommen ich doch rechne. Meine Freunde können mit aller Ehrlichkeit mir attestieren, dass ich kein hoffnungsloser Fall sei. Aber ich werde es erst glauben, wenn sie mich küsst, wenn ich neben ihr aufwache.

Doch bis dahin bin ich nicht alleine im Bett, meine Angst sitzt neben meinem Ohr und träufelt vor dem Einschlafen ihr Gift hinein und wartet morgens mit einem Grinsen auf mich.

Homo hominis lupus – manche brauchen nicht mal einen anderen Menschen dafür.