Unterwegs im Zug. Die Rheinschiene hinab durch eine Landschaft, die ich nur flüchtigst kenne. Was ich aber kenne ist der Mythos des mittleren Rheins, des alten Vater Rhein, der zwischen Mainz und mit seinen Weinbergen und Burgruinen dahinfließt. Ein einziger Zeuge und Nachhall dessen, was von der Romantik an über das Land hiaus zum Mythos gerann. Der alte Vater Rhein, der Bingener Mäuseturm, die Loreley und das Siebengebirge. Für Generationen nicht nur Orte oder bloße Namen, sondern Kulminationspunkte eines romantischen Patriotismus. Meiner Generation allerhöchstens eine Chiffre, Schlagworte, Relikte einer Vergangenheit, Denkmäler der Vergänglichkeit propagierter Ewigkeit. Panta rhei! So wie der ewige Rhein zum Meer fließt, so verfließt die Zeit. Und wie der Fluss Kies und Sand vom Berg zur See spült, so trägt die Zeit bröckchenweise den Mythos vergessener Vorväter davon.
Die Hügelketten weiten sich und durch die Kölner Bucht scheint die tiefe Sonne des Märznachmittags. Die Besinnlichkeit wurde ebenfalls davongespült von den Menschen, die ab Bonn die leeren Sitze füllen. Gesprächsfetzen, Geräusche, nicht mehr allein das Rascheln zweier Leser, die gründlich, gemächlich und daher geräuscharm ihre Wochenzeitung studieren. Die passenderweise „Zeit“ heißt, und träge wie der Rhein zwischen den Fingern und unter den Augen der Leser verrinnt.
Kommt man von Süden, so weichen die Berge mit den Burgruinen (und dem Nachhall ihrer zweiten Blütezeit der romantischen Verklärung) zurück, um den Landmarken, Denkmälern, Zeichen einer postromantischen Zeit Raum zu geben. Die Menschensilos und Fabrikschlote: Diese in Beton gegossene und geronnene Frage, ob künfige Generationen in der Lage sein werden, diese romantisch zu verklären, zu verkitschen. Doch im Gegensatz zur gelegentlichen Burgruine oberhalb eines Winzerdorfes am Flussufer, können die Wohn- und Bürotürme nicht gelinde und geflissentlich übersehen werden. Aber in der Post-Postmoderne gibt es auch den Rückbau solcher Strukturen, den systematischen Abriss, welcher den allmählichen Verfall des Verlassenen in zeitlicher Dimension zusammenschnurren lässt.
Spontan kommt die Diskussion um den Hochhausneubau am Rheinufer, die „Todesdrohung“ gegenüber dem UNESCO-Schutz des Kölner Doms. Kommt man von Bonn im Zug, sieht man den Dom doch erst auf den letzten Metern. Ist die UNESCO-Kommission hier mal Zug gefahren?
Mein Verhältnis zu diesem Bau ist (und bleibt?) massiv subjektiv gefärbt. Wie der Mittelrhein von der (National-)Romantik mythologisch aufgeladen, war er für mich nur kalt, finster und voller Touristen. Der Mythos wie das Gewölbe: überzüchtet und hochgejazzt. Auf Neudeutsch: Derart gehyped, dass mir nur ein schaler Geschmack milder Enttäuschung und Gleichgültigkeit bleibt.
Ab Köln wieder Stille. Dies ist seit Jahren meine zweite (Hinfahrt eingerechnet: erste) Zugfahrt ohne Musik im Kopfhörer. Und schon Freitag war ich erstaunt, um wieviel erträglicher es ist, als meine Erinnerung vorgaukelte. Ich will ja keine Bibliotheksruhe im Zug. Ich freue mich, wie Eltern mit ihren Kindern spielen oder ihnen vorlesen, zufällige Menschenkonstellationen interessante Gespräche führen. Diese Momente, in denen die Anonymität unserer Gesellschaft durchbrochen wird, sind wertvoll. Aber die wichtige Toleranz gegenüber untröstlich weinenden Säuglingen, streitenden Kindern und betrunkenen Kegeldamen respektive Fußballfans fällt mir leichter, kann ich mich per Ohrstöpsel oder Kopfhörer ausklinken. Hat man die Muße zu sinnieren, sind Gesprächsfetzen anregend. Muss aber gearbeitet werden, so erleidet die Konzentration Folter.
Wir eilen Düsseldorf entgegen und die Sonne touchiert den Horizont. Die Ebene ist von Starkstrom-Überlandleitungen verhangen. Der strahlend blaue Himmel verspricht eine kalte Nacht, der Zugchef hingegen verspricht nur noch die aktuelle Verspätung, wartende Anschlusszüge nicht mehr.
Nach dem turbulenten Wochenende lacht am Ziel der janusköpfige Abend. Ruhe, aber allein. Und wieder kommen die leisen Fragen, wie sie jeden Abend aus ihren Löchern gekrochen kommen: Was ist, wonach Du Dich sehnst? Ist es jene Frau, oder ist es das, was sie für Dich verkörpert? Verkörpert sie es überhaupt, oder projiziere ich dieses alles nur auf sie? Solange ich sie nicht näher kenne als Name, Gesicht und Klang ihrer Stimme – dieses charmante Lachen – werde ich nicht erfahren, ob ich sie als Person oder als Projektionsfläche begehre.
Doch heute eilt es mir mit dieser Frage nicht. Ich weiß, dass ich dieses Begehren verspüre und das Verlangen in der Einsamkeit der eigenen vier Zimmerwände stärker werden wird. Die morgige Arbeit wirft ihren Schatten voraus, doch es kümmert mich nicht.
Nachricht: „Dieses Herz ist für Sorgen und Ängste vorübergehend nicht erreichbar. Bitte versuchen Sie es morgen noch einmal.“