Kurz vor Eins nachts. Wieder zuhause. Die Party war nett und die Rückfahrt recht rasant. Wie der Kollege sagte: Es ist Sommer, man kann nachts im Hemd nach Hause fahren. Und sobald ich alleine weiterfahre merke ich, dass der Professor recht hat. Was er theologisch begründet, wird mir ganz einfach beim Durchfahren des Wohnheimgeländes rein emotional klar: Das Dasein als Single ist defektiv, der Mensch erst in einer Paarbeziehung richtig Mensch.
Ist es die Luft, das Bier, oder die Begegnung vorgestern, die mich so fühlen lassen. Oder ist es meine alte Angst, etwas zu verpassen? Besser: Verpasst zu haben? Ich weiß nicht wieso, aber in der Retrospektive scheint mein Leben eine einzige verpasste Chance zu sein. Vielleicht bin ich gerade nicht in der Lage, dies angemessen beurteilen zu können. Vielleicht sind es auch nur die typischen, albernen, schwachsinnigen Illusionen, an denen diese meine Generation laboriert: Die Illusion, dass alle anderen viel mehr Spaß haben, viel mehr erleben, dass das eigene Leben minderwertig ist, man andauernd etwas verpasst. Mein Verstand sagt, es ist idiotisch, aber mein Bauch spricht: Es ist nicht gut, dass Du allein bist.
Schnitt: Mein Mitbewohner steht in der offenen Tür, sagt „Gute Nacht“ und auf einem Ohr läuft weiterhin Muff Potter „Die Guten“ und ich denke plötzlich an die kleine Stadt in Osthessen, aus der meine Ex-Ex (oder wie nennt man die Ex der vorletzten Beziehung?) kam. Ich sehe diesen Ort vor mir, einige Straßen. Vor allem die Landschaft, durch die wir ein-zwei Mal mit Fahrrädern fuhren.
Scheiße, ich werde sentimental. Ich weiß, woran diese Beziehung scheiterte, scheitern musste, aber ich kann mich dieses ersten Sommers der großen Liebe nicht entziehen. Urplötzlich zieht dieser Zauber durch das offene Fenster in mein Zimmer und zieht die große Sehnsucht mit sich: Noch mal so verliebt sein, so sorglos, schwerelos verliebt sein. Mit Haut und Haaren. Mein Verstand, den Bier und Müdigkeit zusammen nicht bezwingen sagt: Vergiss es, es ist vorbei: Dich hat der „Ernst des Lebens“. Du bist am Ende Deines Studiums, das Privileg der ersten Semester, dieser Freifahrtschein ist perdu! Mein Herz aber sagt: Ich will es dennoch nochmal, jetzt erst recht, bevor es wirklich zu spät ist.