Seit Jahren habe ich keinen Urbock mehr getrunken. Vor allem noch nie Ende September. Und nun ist die Feier vorbei und ich sitze hier im Gästezimmer, sehe über den strahlenden Laptopbildschirm hinweg aus dem Fenster auf die Land-/Bundes-/was-auch-immer-Durchgangsstraße, und sehe dem gelegentlichen Verkehr zu. Eigentlich bin ich bettschwer genug um sofort in die Falle zu sinken. Doch irgendwas reizt mich an dem Gedanken, trotzdem noch was wach zu bleiben und zu schreiben.
Wenn ich das Kinn in die Hand stütze, rieche ich noch das Feuer des Grills. Ein milder Septemberabend, an dem wir spontan noch die Tische aus dem Haus in den Garten trugen, es warm genug war, um draußen zu sitzen. Auf dem Rechner läuft Polarkreis 18. Diese Band wird für mich wohl für immer mit dem September 2007 verbunden sein. Ich liebe es, endlich wieder diese Fixierung auf Musik ausleben zu können, die emotionalen Ressourcen dafür wieder zu haben, mich tief in Musik versenken zu können, die Musik zu finden, die meine emotionale Grundtendenz einfängt und widerspiegelt, und in diesem Moment in der passenden Musik aufzugehen. Knappe zwei Jahre habe ich auf dieses Gefühl, diese Erfahrung, diese Art zu Leben verzichten müssen. Seitdem mir klar ist, dass ich es wieder kann, koste ich es aus.
Diese seltsame Mischung aus Glück, Melancholie, Müdigkeit und Sorglosigkeit-trotz-aller-Zukunftsangst ist Wahnsinn. Ich glaube, es braucht Musikformen wie Indietronic, um es fassen und beschreiben zu können.
Wenn mich wer fragte, ich antwortete sofort, dass ich Glück empfinde, auch wenn meine Situation nicht glücklich ist. Ich vergesse nicht, dass mir manches zu dem Zustand fehlt, den ich als wahrhaft glückliches Leben verstehe. Doch ich empfinde trotzdem Glück, für jetzt und diesen Moment.
Und in dem Wissen, dass ich es morgen anders sehen werde. Morgen fahre ich nach Hause, in die Stadt in der meine Universität steht, in der meine Arbeit auf mich wartet, in der ein völlig leerer Wohnheimflur darauf wartet, dass wenigstens ich ihm Leben einhauche. In die Stadt, in der ich lebe, arbeite, feiere und auch liebte, wenn es sich denn mal ergäbe. Zweieinhalb Tage „Kurzurlaub“ sind dann vorbei, und auch wenn das Wochenende anfängt, wird zu hause gearbeitet werden müssen.
Doch all dieses berührt mich auf emotionaler Ebene nicht. Es ist mein Verstand, der sich noch damit befassen mag. Doch mein Herz spricht: „Vertagt! Nicht heute mag ich mich sorgen, das kann der Verstand alleine schon genug. Ich will mich auch nicht damit plagen, was mir fehlt. Das kann ich morgen noch zur Genüge. Doch jetzt empfinde ich Glück, wenn auch nur unvollständiges, aber Glück!“
Ich will auf mein Herz hören, diese Nacht genießen, indem ich meinen Verstand bis morgen vertage. Bis ich morgen früh erwache, sollen alle Sorgen sich von mir fern halten!
Als ich das letzte Mal hier war, hatte ich mein Herz – wenn auch kurzzeitig – unglücklich verloren. Dieses Mal bin ich von solchen Regungen verschont. Auch wenn ich das „Drum will ich auch immer den Sorge entsagen“ des alten Studentenlieds nicht aus vollen Herzen mitsprechen kann, so genieße ich jeden einzelnen Ausflug. Ausflüge von allen Sorgen, in denen ich doch nie vergesse, dass ich Sorgen habe. So scheint mir sicher, dass ich nicht der Gefahr nachgebe, diese Ausflüge auf Dauer auszudehnen. Nein. Ich kenne mein Risiko dahingehend. Ich nehme mir die Auszeit und nehme auch den Kater bewusst in Kauf, der mich anderntags in die Realität zurückreißt. Meine Sorgen und Nöte liegen in der Realität und auch nur dort sind sie zu lösen.
Doch das ist eine Aufgabe für andere Tage. Heute nacht werde ich schlafen, gut, tief und fest.
Und sorgenfrei!