Pfingstsonntag, Rückfahrt, nahezu allein im Zug, nach 20 Minuten warten in Lippstadt. Meine Nerven sind wieder halbwegs in Ordnung, mein Puls beruhigt. Ich weiß seit langem, dass mein Verstand der schwächere Teil ist. Der wahnhafte Wunsch, den Irrealis zu träumen ist übermächtig. Keine Überlegungen, was möglich, denkbar, erwartbar ist. Nein! Wenn, dann will ich die Vision des Unwahrscheinlichen sehen, eben jenen Traum träumen, der der Wirklichkeit am entferntesten ist.
Ich bin nicht taub auf dem inneren Ohr, in welches der Verstand in mein Denken flüstert. Ich bin nicht taub und höre auch nicht weg. Ich höre ihm schon zu und wische auch nicht gleichgültig bei Seite, was er sagt. Ich freue mich über diesen Anker der Vernunft, die meinen Geist an die Wirklichkeit kettet. Aber ich erlaube dem Traum zu fliegen, so weit die Kette reicht. Ich habe kein Interesse daran, diese Kette zu kürzen. Ich will träumen, hoffen, fliegen und am Ende wieder schmerzhaft mit dem steinharten Boden der Realität kollidieren.
Vermutlich brauche ich das. Vielleicht ist es eine Form latenten, unbewussten Masochismus', die ich so zu befriedigen suche. Das Risiko des Realitätsverlusts ist – wie unwahrscheinlich er auch immer sein mag – bekannt. In diesem Bewusstsein fliege ich, träume ich, entfliehe dem engen Korsett meiner Existenz, diesem unsichtbaren Gefängnis des Reflektierenden. In diesem Bewusstsein lache ich der unschönen Wahrheit ins Gesicht: „Du magst zwar die Realität sein und ich nehme Dich mit aller Konsequenz wahr und ernst. Aber wenn das Unwahrscheinliche geschehen sollte, dann bin ich vorbereitet.“
Nicht das, was nicht ist, sondern das, was ist, ist Grund zum träumen. Nicht das, was nicht ist, sondern das, was ist, ist Grund zum Handeln.