Montag, 28. Mai 2007

#14 - Unterwegs IV

Pfingstsonntag, Rückfahrt, nahezu allein im Zug, nach 20 Minuten warten in Lippstadt. Meine Nerven sind wieder halbwegs in Ordnung, mein Puls beruhigt. Ich weiß seit langem, dass mein Verstand der schwächere Teil ist. Der wahnhafte Wunsch, den Irrealis zu träumen ist übermächtig. Keine Überlegungen, was möglich, denkbar, erwartbar ist. Nein! Wenn, dann will ich die Vision des Unwahrscheinlichen sehen, eben jenen Traum träumen, der der Wirklichkeit am entferntesten ist.

Ich bin nicht taub auf dem inneren Ohr, in welches der Verstand in mein Denken flüstert. Ich bin nicht taub und höre auch nicht weg. Ich höre ihm schon zu und wische auch nicht gleichgültig bei Seite, was er sagt. Ich freue mich über diesen Anker der Vernunft, die meinen Geist an die Wirklichkeit kettet. Aber ich erlaube dem Traum zu fliegen, so weit die Kette reicht. Ich habe kein Interesse daran, diese Kette zu kürzen. Ich will träumen, hoffen, fliegen und am Ende wieder schmerzhaft mit dem steinharten Boden der Realität kollidieren.

Vermutlich brauche ich das. Vielleicht ist es eine Form latenten, unbewussten Masochismus', die ich so zu befriedigen suche. Das Risiko des Realitätsverlusts ist – wie unwahrscheinlich er auch immer sein mag – bekannt. In diesem Bewusstsein fliege ich, träume ich, entfliehe dem engen Korsett meiner Existenz, diesem unsichtbaren Gefängnis des Reflektierenden. In diesem Bewusstsein lache ich der unschönen Wahrheit ins Gesicht: „Du magst zwar die Realität sein und ich nehme Dich mit aller Konsequenz wahr und ernst. Aber wenn das Unwahrscheinliche geschehen sollte, dann bin ich vorbereitet.“

Nicht das, was nicht ist, sondern das, was ist, ist Grund zum träumen. Nicht das, was nicht ist, sondern das, was ist, ist Grund zum Handeln.

Freitag, 25. Mai 2007

#13 – Einwurf IV

Der Verstand schreit laut, was vernünftig ist. Warum ist das Herz so taub? Sind unbewusste Wünsche so viel stärker als die bewusste Vernunft? Anscheinend will ich leiden...

Dienstag, 8. Mai 2007

# 12 – Einwurf III

Es ist schwer und schmerzhaft zu sagen: „Dieses Leben ist falsch, muss dringend verändert werden!“ Die Erkenntnis und das Aussprechen allein sind schlimm, doch der wahre Schrecken kommt erst noch: Ist erst bewußt, wie radikal der Umbau sein muss, kommen Angst und Gewohnheit Hand in Hand zur Sabotage.

„Selbsterkenntnis ist der erste Schritt...“ – Aber der erste Schritt ist lächerlich!

Sonntag, 6. Mai 2007

#11 – Ängste II

Meine Vernunft sagt, es ist Unsinn. Mein Bauch sagt: Nimm den Spaß mit! Das Konto sollte besser schweigen und an den morgen danach will ich gar nicht denken.

Ich bin gerade überfordert mit meinem Leben. Zu wenig Geld, für alles, was ich machen wollte, zu wenig Zeit um überall dort zu sein, wo ich wollte. Dazu ein völlig neues „Zuviel“ an Disziplin, um zu ignorieren, dass der nächste Tag schon um 8h meine volle Aufmerksamkeit erfordert. Wer feiern kann, kann auch arbeiten, und wer das eigene Feierverhalten kennt, der weiß, was zu tun ist, um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten.

Jahrelang hatte ich die Angst „etwas zu verpassen“. Jahrelang hatte ich immer nur das Gefühl, „draußen“, irgendwo „da draußen“ ist die ewige Party, auf der alle anderen sind. Und jetzt sitze ich hier, im Kurzurlaub und mache mir Sorgen ob meines Lebenswandels. Ich sitze bei meinen Veranstaltungen in der Uni, ich bereite mich vor, bereite einiges nach (was ich sonst nie tat) und habe einen regelmäßigen Wach-Schlaf-Rhythmus. Alles soweit gut und sinnvoll.

Und ich habe einen Freundeskreis gefunden und aufgebaut, der nicht die ewige Party macht, aber eben mit derselben Disziplin und Intensität feiert, wie sie engagiert studieren. Es fällt mir so schwer, nein zu sagen, da ich es einfach nicht gewohnt bin, für einen Abend mehrere Einladungen (gelegentlich auch noch in verschiedenen Städten) zu haben. Ich werde morgen auf das Konzert gehen, egal, wann ich dann im Bett bin. So ein Konzert ist etwas anderes als ein Kneipenabend. Und Kaffee für den Morgen habe ich genug im Haus.

Was mein Bauchgefühl und mein Verstand auch sagen: Der Abend wird gut, der nächste Tag schrecklich und darauf folgt einfach eine lange, lange Nacht.

Donnerstag, 3. Mai 2007

#10 – Unterwegs III

Weiterfahrt, Heimfahrt am Vormittag. Wie die Kleider doch Leute machen. Hemd, Sakko, Hut und man wird wahrgenommen. Man fällt doch ausreichend aus dem Rahmen, dass man verwundert oder amüsiert angesehen wird. Wie alt sehe ich eigentlich in diesem Aufzug aus, dass mich gleichaltrige siezen? Die Zeit verrinnt, man merkt es morgens vor dem Spiegel und wenn man unterwegs ist. Nein, nicht das Verstreichen der Reisezeit, das Näherrücken des Zieles in Raum und Zeit, sondern der Blick aus dem Fenster. Je vertrauter die Strecke, die man fährt, desto stärker merkt man, wie schnell in den letzten Tagen der Frühling das Land überrollte. Volles, sattes Grün unter dem blauen Himmel, wo neulich nur grau-brauner Boden und kahle Bäume waren.

Der Laptop ist schon ein feines Spielzeug. Die volle Auswahl an Musik auch im Zug. Großartig, wenn man nicht im letzten Quartier die Kopfhörer vergessen hätte. Also doch wieder keine akustische Flucht vor den überforderten Eltern und ihren Kindern drei Reihen vorher. Und seit Köln leider auch wieder dem letzten Rest Strom im Akku ausgeliefert, da der Platz an der Steckdose einer Reservierung zum Opfer fiel. Weiter geht es durch das im frischen Grün strahlende Rheinland bei wolkenlosem Himmel und Sonnenschein. Wie soll man da noch motiviert sein, gleich vom Bahnhof ins Seminar zu gehen? Der Hörsaal mit der lauten Klimaanlage ist nicht sehr verlockend, wenn draußen die Rapsfelder gelb strahlen, als wollten sie mit der Sonne in Wettstreit treten...

#9 – Nachtgedanken II

Wer bin ich? Ich kenne die Antwort nicht! Wie bin ich? Ich kenne die Antwort, und ich mag sie nicht! Wie sehen mich andere? Ich kenne nur Einblicke, und ich wüsste gern mehr.

Es ist eine Sache, damit klar zu kommen, wer und wie man ist. Eine andere Sache (und ggf. eine leichtere) ist es, damit klar zu kommen, wie man wirkt. Das Bild, das andere von mir haben zu mögen, heißt, einen Teil dessen, wie ich bin, zu akzeptieren. „Therapy“ spielen kann Erleuchtung bringen. Darüber, wie man auf andere wirkt und wie wenig man manch andere kennt und einschätzen kann. Doch, ich kann mit dem Ergebnis leben. Es ist nahe an meinem Selbstbild, also fern von massivem Irrtum. Aber es ist so, dass ich mich so, wie die anderen mich sehen, akzeptieren kann. Eine beruhigende Erkenntnis zum Abend.

#8 Unterwegs II

Wieder im Zug. Ich reise in die eine Richtung, meine Gedanken in die Andere, sie bewegen sich zrück und auch im Kreis. Ungeduld . Ich kann nicht warten, ich will es auch nicht. Ich will eine Antwort, jetzt, hier, am Besten schon gestern! Es ist die einfache Frage nach Korb oder nicht Korb! Ich will doch nur die Chance eines Kennenlernens, wissen, ob alle Anfangssympathie denn ein Fundament hat. Ich will nicht das große Ziel, ich will nur wissen, ob es sinnvoll ist, es überhaupt anzustreben. Es ist so wenig, was ich will, und doch viel zu viel!

„Ich möchte viel zu viel, das weiß ich ganz genau“ Diese Liedzeile dreht in meinem Kopf ihre Kreise, lässt mir keine Ruhe. Ich weiß, dass es mir nicht gut tut, überhaupt darüber nachzudenken, aber habe ich jemals ernsthaft das getan, von dem mein Verstand sagte, dass es gut und richtig ist?

Ziel des Wochenendes: Arbeiten, feiern, ablenken und abwarten!