Montag, 8. Oktober 2007

#32 – Unterwegs X

Was zu erwarten war: Ich sitze jetzt seit eineinhalb Stunden im Zug und was mache ich? Ich blogge. Irgendwie kann ich dieses Verhaltensmuster (von Gewohnheit kann man so schnell noch nicht sprechen, oder?) nicht abstellen. Ich sitze im Zug und selbst wenn ich die Augen schließen, das Vorbeirauschen der Landschaft lässt Gedanken durch meinen Kopf rauschen. Oft bin ich müde, auch gestresst oder genervt, wenn ich reise. Aber dennoch liebe ich es irgendwie, es ist mir vertraut, auch wenn die Reiseroute es nicht immer ist. Klar, es gibt Strecken, die kenne ich blind, da habe ich das Gefühl, die Bäume auf den alten Gleisanlagen neben den Bahnhöfen wachsen zu sehen.

Selten komme ich derart intensiv zum Arbeiten, wie ich es gerne hätte. Zu oft ist es die Rückreise von einem Wochenende, das recht schlaffrei ausfiel.

Warum also mag ich es so gern, im Zug zu sitzen, auch wenn es Stunden sind? Solange ich nicht zu lang auf Fußböden sitzen muss, sodass einem das Gesäß schmerzt, bin ich doch ein anspruchsloser Passagier. Natürlich ist es wundervoll in einem recht leeren ICE 3 einen ganzen Tisch für sich allein zu haben und auch der Klapptisch im normalen Fernverkehr macht das Arbeiten am Notebook angenehmer. Aber Hauptsache, man kommt voran, die Zugbegleiter sind nett und hilfsbereit, wenn man einen Anschluss, Zuschlag oder sonstewas benötigt, die Heizung funktioniert im Winter bzw. die Klimaanlage im Sommer.

Ja, ich denke es ist der (subtile) Luxus, der sich dahinter verbirgt: Die latente „Exotik“ des Wo-anders-als-Zuhause-seins, dieses Gefühl des Ausbruchs aus dem allzu Vertrauten, die Existenz als Kunde, den Servicekräfte (idealerweise) dezent und höflich umsorgen, diese Illusion von Weltgewandtheit, die aus der Vertrautheit mit den Abläufen und Regeln erwächst. Man ist von keiner „Zugteilung in XY“ überfordert, man kann im Jargon der „Vielfahrer“ nach Anschlüssen und den Chancen, Verspätungen wieder aufzuholen, fragen, die Fahrkartenkontrolle ist Routine, Fahrkarte und Bahncard stecken im Portemonnaie ja immer im selben Fach. Wer sucht denn da noch? Man könnte immer (im wahrsten Wortsinne) unerfahrenen Mitreisenden Geschichten erzählen, was man schon für schlimmere Verspätungen erlebt hat, dass das alles garnicht so schlimm ist: „Wo müssen Sie umsteigen? Ach, da reicht die Zeit doch locker, da kriegen Sie Ihren Anschluss auf jeden Fall.“

Und wenn man nicht einfach nur „In den Semesterferien zu den Eltern“ fährt, sondern es dann noch irgendwelche Sitzungen oder Seminare sind, kann man sich einbilden, mit der Business-Anzug-Träger-Fraktion mehr gemein zu haben, als mit dem Gemischten Kegelverein mittleren Alters.

Ist das Eitelkeit? Sicherlich! Steht nur zur Debatte, wie stark es die Geltungssucht ist und wieviel auch die Befriedigung, sich in ein Bild einzufügen statt hinauszustechen. Abgesehen davon ist eben immer ein Thema zum Small-Talk gegeben, wenn sich solcher entwickelt.

Jeder Mensch wünscht sich Bestätigung, es ist doch nur die Art und Weise, auf die er dieses Bedürfnis zu befriedigen sucht, die ihn von anderen Unterscheidet und sein Streben und Handeln moralisch bewertbar macht.

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